Tod und Existenz

Wie macht man weiter, wenn ein Leben endet? Weiter wie bisher? Geht nicht. Denn zu meinem Leben gehörte mein geliebter Mann, hier im virtuellen Raum gern genannt „der Gatte“. Der Gatte ist tot. Aus dem Leben gerissen auf brutalste Art und Weise. Um 12.06h haben wir noch telefoniert. Um 13.20h war er tot. So steht es auf seiner Sterbeurkunde.

Es war ein elend heißer Tag. Es gab einen Stau auf der Autobahn. Es gab einen Getränkelaster. Es gab vier Tote. Meldungen über Verkehrstote höre ich fast jeden Tag. Jetzt weiß ich jedes Mal, wenn ich sie höre, welchen Gau sie in Familien auslösen.

Eben noch hatte ich mich auf den Abend gefreut. Wir hatten uns zwei Tage nicht gesehen. Ich wollte dem Gatten meinen beim Warten auf Obama erworbenen Sonnenbrand präsentieren. Er war so stolz gewesen, dass sein „Jattin“ zur Rede des Präsidenten eingeladen war. Die Devotionalien wie Eintrittskarte und Securitycard hatte ich vom Vortag im Flur arrangiert, dass er sie sofort gesehen hätte, wenn er von seinem Dreh nach Hause gekommen wäre. Aber er kam nicht. Er war nicht da, als ich gegen 18.30h von der Arbeit kam. Er hätte aber längst vor mir da sein sollen. Ich war sofort beunruhigt. Denn wenn es Planänderungen gab, haben wir das einander immer sofort mitgeteilt. Die Stunden des Wartens begannen mit einem flauen Gefühl im Magen. Bei seinem Handy ging kein Ruf ab. Nur die Mailbox. Draufsprechen. „Wo bist du? Melde dich!“ Irgendwann wurde die Unruhe zu groß. Im Internet nachschauen, ob es irgendwo auf der Strecke vielleicht einen Mega-Stau gibt. Ja, den gab es. Kurze Beruhigung. Nur sehr kurz. Denn wieso ruft er dann nicht an? Steckt er im Funkloch? Wieder ins Internet. Nach Verkehrsunfällen gesucht. Ja, da war einer auf der Strecke. Jetzt setzte echte Panik ein. Die Telefonnummer der zuständigen Autobahn-Polizei rausgesucht. Anrufen. Zittern. Durchgestellt werden. Ein Kommissar nahm meine Angaben und die des Gatten auf. Er werde sich erkundigen. Ich solle in 5 Minuten wieder anrufen. Die Sekunden auf dem Handy runterzählen. Exakt nach 5 Minuten wieder anrufen. Ich wurde zwar durchgestellt, aber der Kommissar hatte irgendwie nicht mitbekommen, dass ich bereits in der Leitung war. Ich hörte ihn mit einem Kollegen reden: „Was soll ich denn sagen, die Frau ruft gleich wieder an.“ „Sag den Standardsatz ‚Wir wissen noch nichts genaues‘.“ Ich schreie ins Telefon, dass ich dran bin und sie hören kann. Aber sie hören mich nicht. Ich lege auf, rufe wieder an. Der Mann sagt den Standardsatz, ich sage, dass ich wisse es habe einen Unfall gegeben. Er sagt, er meldet sich innerhalb einer Stunde. Ich rufe Freunde an. Sie kommen. Die Stunde vergeht. Kein weiterer Anruf vom Herrn Kommissar. Jetzt versucht der Freund es bei der Polizei. Wieder Vertröstung um eine Stunde. Zwischenzeitlich ist draußen ein heftiger Sturm losgebrochen. Es rüttelt an den Fenstern. Ich denke: Was für ein Sturm bricht denn bloß über mich herein? Die nächste Stunde vergeht ohne Anruf der Autobahn-Polizei. Inzwischen ist es bereits nach Mitternacht. Irgendwann steht die Berliner Polizei vor der Tür. Sie überbringen die Todesnachricht. Gewissheit. Zusammenbruch. Sechseinhalb wunderbare Jahre an der Seite eines wundervollen Menschen rauschen an mir vorbei. Das geht doch gar nicht, denke ich. Ohne ihn? Wie soll das denn gehen? Ohne meinen geliebten Gatten? Ohne sein Lachen, ohne seine Tränen, ohne seinen liebevoll kredenzten Latte Macchiato morgens am Bett, ohne seinen wärmenden Schutz? Da ist doch gar kein Leben mehr möglich, denke ich.

Heute ist es vier Wochen und einen Tag her. Ich existiere. Ich erledige Dinge. Ich rede mit Menschen. Über ihn. Über uns. Über unser gemeinsames Leben. Über ein Leben ohne ihn. Ich rede darüber, aber es erscheint mir unmöglich. Es ist kein Leben mehr, es ist nur eine Existenz. Ich stehe auf, ich esse, trinke, schreibe, sitze, lese, denke, weine, gehe schlafen, stehe wieder auf. Andere sprechen mich auf meine weiteren Pläne an. Welche Pläne, denke ich. Ich erzähle, was ich mir so vorstellen könnte. Vielleicht ein kleines Haus im nirgendwo, vielleicht einen Hund. Doch alles erscheint mir nur wie ein Weiterexistieren an anderem Ort. Und der Ort ist im Grunde genommen egal. Überall ist mein geliebter Mann nicht mehr da.

Der Gatte hat sich immer gefreut, wenn ich ihn im Blog oder auf Twitter erwähnt habe. Wir waren beide miteinander im Leben angekommen. Genau dort wollten wir sein. Wir hatten den selben Takt. Wir waren einfach nur zufrieden beieinander zu sein. Glücklich, wenn der andere glücklich war. Gemeinsam glücklich. Dass ich über den Gatten eines gar nicht allzu fernen Tages in einer für immer vergangenen Vergangenheit schreiben werde, hätten wir beide nicht gedacht. Unsere Vereinbarung für unser gemeinsames Leben war „40 Jahre und dann wird neu verhandelt.“ Davon sind nun noch 33,5 Jahre übrig. Ohne ihn.

8 Gedanken zu „Tod und Existenz“

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