nun also doch

Jahrelang bemüht man sich, kultiviert seine Abneigung, hält Prinzipien hoch. „Die klauen mir zu viele Daten“, sagte ich. Bei Instagram meldete ich mich genervt und unter Protest ab, als sie diesen Dienst schluckten. Hochmütig gucken konnte ich, wenn mich jemand fragte, ob ich dort ein Profil besäße. Ich doch nicht! Wozu? Ich twittere, und damit Schluss. Wer mir folgen will, der folge mir auf Twitter und lasse mich ansonsten in Ruhe. Ich halte es bis heute nicht für nötig, neue Follower mit einem fröhlichen „Hallo, herzlich Willkommen neuer Follower“ zu begrüßen. Nein nein nein, so leicht lasse ich mir kein Gespräch aufdrängen. Aber meine gesunde Skepsis gegenüber dem socialnetworking hatte auch bittere Konsequenzen. Mit einem sehr guten Freund liege ich seit Jahren im Streit darüber, dass ich nicht mit ihm „befreundet“ sein will. Wie paradox…
Ziemlich beste Freunde – nur nicht in den sozialen Netzwerken! Ich Twitterine, er Facebuckel. Letztlich führte es dazu, dass wir wesentliche Dinge aus unser beider Leben nicht mehr mitkriegten, weil wir keine ständige gemeinsame Plattform mehr für unseren Austausch pflegten. Denn letztlich hat sich unser aller Kommunikationsverhalten ja doch ein wenig verändert in den vergangenen Jahren. Weniger Festnetz dafür mehr online. „Hab ich längst hochgeladen und geteilt“ donnerte er jedenfalls eines Tages als ich ihn etwas genervt nach diversen Versuchen auf seinem Festnetzanschluss erreichte und fragte, seit wann er denn aus dem Urlaub zurück sei, wieso er sich nicht gemeldet habe und wann ich seine Urlausbfotos denn bitteschön zu sehen bekäme?

Freunde! Überhaupt: Finde Freunde!! Warum??? Ich habe genug Freunde. Ich bin glücklich mit meinen Freunden –  auch wenn ich sie nur ab und an auf dem Festnetz erreiche. Ich will mir aussuchen können, mit wem ich befreundet sein will und vor allem, mit wem ich mir was erzähle. Ich will keine Freundschaftsanfragen von Menschen erhalten, die ich nie zuvor gesehen habe, jetzt nicht sehe und voraussichtlich auch niemals sehen werde. Und ich will kein schlechtes Gewissen haben müssen, dass ich jemandes Anfrage ablehne und irgendwo in Hinterposemuckel ein mir völlig unbekannter Mensch sich meinetwegen grämt.

Alles vorbei. Jetzt können sie sich grämen. Mich mit überflüssigen Infos beballern, und mir natürlich immer und von überall her, ihre Urlaubsfotos posten. Hab ich auch gleich als erstes gemacht. Denn ich dachte mir: Geh‘ mit dem Trend. Wenn du schon deine Aversion aufgibst und dir ein Fazebuck-Profil zulegst, dann aber auch gleich die volle Breitseite. So.

Meine Vorurteile wurden nahezu unmittelbar und sofort bestätigt. Denn es vergingen keine sechs Stunden ab „Mit dem nächsten Klick legen Sie Ihr Profil an…“ bis zu der ersten Freundschaftsanfrage einer Person, die ich niemals im Leben als Freund bezeichnen würde. Selbst „Bekannter“ erscheint mir zu unwahrscheinlich. „Mensch, den ich zwei- bis dreimal gesehen“, ok, das geht. Aber, muss ich deswegen mit ihm digital „befreundet“ sein? Nein. Muss ich nicht. Abgelehnt. Und es ging nahtlos weiter. Ok, ein paar meiner wirklichen Freunde, von denen ich wusste, dass sie Profile besitzen, schrieb ich auch selbst an. Doch bei einigen Anfragen wunderte ich mich doch, woher dieser Mensch in kürzester Zeit wusste, dass ich nun auch bei Facebook bin. Klar, es gibt da dieses Vorschlagedingens, das sich aus zahlreichen Quellen meiner sonstigen Kommunikationsgewohnheiten zusammenreimt, wen ich denn noch so alles „Freund“ nennen möchte. Grauenvoll! Da erschienen also, nachdem ich einige Anfragen bestätigt hatte, Menschen, die ich hoffte, für immer aus meinem schlechten Gedächtnis gestrichen zu haben. Die habe ich aus dem Vorschlagedingens erstmal alle gelöscht. Ich hoffe, die kommen nicht wie Untote immer wieder.
Wem ich selbst natürlich sofort eine Freundschaftsanfrage schicken wollte, war besagter sehr guter analoger Freund (s.o.). Denn schließlich wollte ich endlich seine Urlaubsfotos der vergangenen Jahre sehen. Profil gesucht, gefunden. Freundschaftsanfrage schicken nicht möglich. Hmpfh. Wat nu? Nachricht geschickt. Und? Gewartet. Ein paar Stunden. Einen Tag. Noch einen. Ein paar Tage. Ne Woche. Und? Nix. Keine Reaktion. Wie jetzt? Nun begebe ich mich endlich sehenden Auges in die Fänge der Datenkrake und will endlich wieder, als herzwärmenden Nebeneffekt, mit meinem besten Freund befreunden sein – und da meldet der sich nicht!? Schkandal!!

Nach etwa 10 (in Worten: zehn!) Tagen endlich eine Reaktion in Form einer Freundschaftsanfrage von ihm an mich – begleitet von einem lakonischen „Ach, nee“. Wir uns also befreundet und uns per Facebook zum Festnetztelefonieren verabredet (… dafür brauchte ich das Profil also – aha!). Ich ihn dann am Telefon erstmal angeranzt, warum seine Antwort auf meine Nachricht sooo lange hat auf sich warten lassen. Er: „Welche Nachricht? Du wurdest mir in dem Vorschlagdingens vorgeschlagen.“ Tja, soviel also zur Zuverlässigkeit den modernen Wege der sozialmedialen Kommunikation …

Doch, warum bin ich nun eigentlich dort, wo ich niemals hin wollte? Gute Frage. War der Gruppendruck letztlich doch zu groß? Bin ich vor der Übermacht des weil-es-alle-machen eingeknickt? Nein. Bin ich nicht. Ich hatte ein geschäftliches Angebot, dass es notwendig machte, sich mit der Materie auseinanderzusetzen. Um mich da reinzufühlen, habe ich nun also so ein Profil. #mussja

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