Jahr 4

Jahr 4

Es gibt eine Mauer in Gaza. Auf dieser Mauer stehen viele Sprüche. Ich habe dort auch mal einen hinschreiben lassen. Das war ein Projekt zweier Niederländer, wenn ich es recht entsinne. Dieses Projekt sollte arbeitslose Palästinenser unterstützen und ein Symbol des Krieges in Frieden verwandeln.

Ich fand das Projekt damals gut. Und ich wusste auch sofort, was ich auf diese Mauer schreiben lassen wollte. Eine Liebeserklärung an meinen Mann. Meinen damaligen Mann. Meinen ersten Mann. Mein Mann der genau heute vor vier Jahren tödlich verunglückte.

Als ich die Botschaft dort in Gaza beauftragte, lebte er noch. Wir waren noch gemeinsam glücklich und hatten noch vieles vor. „Vielleicht fahren wir auch mal nach Gaza, um deineLiebeserklärung zu suchen“, hatte mein Mann damals vorgeschlagen als ich ihm dieses Graffiti in einer staubigen Wüste an 2012 Weihnachten schenkte.

Vielleicht fahre ich irgendwann mal hin. Wer weiß schon, was morgen passiert. Es können ganz wunderbare Dinge sein, wenn man die Kraft hat, sie zuzulassen. Ich hatte sie, und dafür bin ich dankbar und glücklich. Ich bin dankbar und glücklich für jeden Tag, für ein erfülltes, gemeinsames Leben mit dem Mann, den ich traf, um nach Trauer und Verlust wieder voll und ganz im Leben zu sein und in meinem Sein.

 

In der Blumenhölle

In der Blumenhölle

Die Pferde gesattelt, rauf auf den Wuhleradweg, eine Dauerkarte will abgewohnt werden. IGA, der zweite Versuch.

Also, erstmal vorneweg: Der Wuhleradweg ist toll. Für alle, die Idylle inmitten der Großstadt suchen, fahrt den Wuhleradweg! Immer ganz nah entlang der Wuhle führt er von Köpenick bis Arendsfelde. Größtenteils durch grüne Oasen, Brennnesselbüsche ranken in den Weg, das träge dahin fließende Gewässer mal links mal rechts des Wegs, fühlt man sich lange Zeit fernab von der Zivilisation. Gut, der Weg geht auch vorbei den historischen Relikten der sozialistischen Wohnkultur. Aber vielleicht macht gerade dieses Heteroge den Wuhleradweg so interessant. Jedenfalls, und das ist sogar gut durchdacht, führt der Wuhleradweg auch mitten durch das Berliner IGA-Gelände. Unterhalb des Kienberges quert man den IGA-Park, die Seilbahn gondelt über die Radler hinweg.

Blumen? Da war doch was…

Es ist einer der ersten wirklich heißen Über-30-Grad-Tage des Jahres. Dieses Mal betreten wir die Internationale Gartenausstellung von der Marzahner Seite. An den Kassen gähnende Leere. Anstelle eines erwarteten Blumenmeeres empfängt den bluminös eingestellten Besucher nach der Kasse (immerhin 20 Euro Eintritt für eine Tageskarte) eine Wand aus Beton.

Über den eklatanten Mangel an Blumen auf dieser Gartenschau habe ich ja bereits an anderer Stelle berichtet. Doch, wer mich kennt, weiß, so schnell gebe ich nicht auf. Heute will ich in die Blumenhalle. Der Name ist doch wohl Programm! Ja, Blumen gibt es dort. Vor allem jede Menge Hortensien, in allen Farben. Und Orchideen. Und Blumenarrangements. Doch alles in allem frage ich mich zum einen, wieso diese ganzen Hortensien hier drinnen in diesen improvisierten, lieblosen Halle stehen? Meine Hortensie steht seit Wochen draußen und verträgt das bislang wechselhafte Wetter wunderbar. Zum anderen frage ich mich, wie man so ein liebloses Arrangement von Blumenhalle auf eine Internationale Gartenschau setzen kann? Mir kommen einige Blumenhallen in Baumärkten in den Sinn, die weitaus charmanter gestaltet sind.

Nun, egal. Gut, dass direkt neben der Blumenhölle … äh Halle … die Seilbahnstation liegt. Flux reingehüpft, denn Massenandrang herrscht auch hier nicht mangels Besuchern. Die Berliner scheinen an einem sonnigen Sonntag Besseres vor zu haben, als sich Hortensien in Flugzeughangars anzusehen.

Beim Gondeln über das Gelände fällt auf, dass die Trockenheit der Gartenschau bereits vielerorts mächtig zusetzt. Gut bewässert ist dagegen der liebevoll umsorgte Weltacker. Hier wird es endlich mal informativ. Man erfährt etwas über Yamswurzel und Maniok und darüber wie viel Menschen man von 2.000 Quadratmeter klug genutzter Anbaufläche nachhaltig nachwachsend ernähren und versorgen kann. Und man erfährt, dass lediglich zwei Schweine notwendig sind, um das alles aufzufressen und schließlich zu Schnitzeln verarbeitet zu werden, die dann weitaus weniger Menschen einseitig fleischhaltig und nicht-nachwachsend ernähren.

Florale Gartenkunst am Wuhleradweg

Auch sonst ist der IGA-Campus informativ. Im herrlich nach Latschenkiefern duftenden Haus einer bekannten schwedischen Kettensägenfirma, erfahre ich wann die Kettensäge erfunden wurde. Der nächste Standort erzählt mir was von Fischen, die Tomaten züchten. Irgendwo geht es auch um Kunst und Gärtnern. Also, alles in allem nett gemacht und interessant, dieser IGA-Campus. Nur schade, dass die meisten IGA-Besucher diesen Bereich vermutlich lediglich per Seilbahn übergondeln – auf der Suche nach dem versprochenen „floralen Feuerwerk, dem MEHR aus Farben“, um mal die IGA-Website zu zitieren.

Voll ist es an diesem heißen Sonntag lediglich auf dem Wasserspielplatz, wo Drei- bis Fünfjährige einen Wettbewerb im Sich-die-Seele-aus-dem-Leib-kreischen veranstalten während sie unter den lustig hüpfenden Wasserfontänen durchtauchen.

Wir streben gen Ausgang. Wieder einmal verwundert darüber, wo der Garten in dieser Gartenausstellung sein soll, vom „floralen Feuerwerk“ ganz zu schweigen. Auf dem schönen Wuhleradweg zurück Richtung Köpenick fahren wir vorbei an floralen Feuerwerken privater Gartenkunst. Vielleicht hätten die IGA-Planer zwei bis drei Berliner Datschenbesitzer in ihre Planungsrunde einladen sollen…

IGA-Dauerkarte Teil 3 folgt …

Sag mir, wo die Blumen sind

Sag mir, wo die Blumen sind

Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben? Dieses Lied geht mir unmittelbar durch den Kopf als ich erstmals die IGA Berlin 2017 besuche. Zumindest drängt sich diese Frage auf mit dem ersten Eindruck, den die Internationale Gartenausstellung vermittelt, wenn man das Gelände durch den als solchen vom Veranstalter bezeichneten Haupteingang an der Hellersdorfer Straße betritt.

Gut, wir wollen nicht ungerecht sein. VOR dem eigentlichen IGA-Gelände, in Höhe der Kassenhäuschen, blühen derzeit ein paar sehr hübsche, bunte Tulpenbeete. Und weiter? Also, man betritt das Gelände, rechter Hand ein Grashügel, linker Hand die Seilbahnstation. Da stürmt erstmal alles hin. Die wenigsten jedenfalls folgen den Pfaden durch das Gelände. Warum auch? Blumen sind weit und breit keine zu sehen.

Im Sumpf

Also, dann eben in die Seilbahn. Ey, das ist schon cool! Seilbahn fahren im ansonsten so flachländlichen Berlin ist für mich Harzer Bergziege sehr witzig. Während der Fahrt rauf auf den Kienberg schweift der Blick nach rechts und links. Ich suche Blumen. Immer noch. Vielleicht irre ich mich ja auch. Aber, bislang hatte ich diese bunten Gewächse als Hauptattraktion von Gartenschauen vermutet. Obwohl, ich muss zugeben, ich war auch noch nie auf einer Gartenausstellung. Weder regionaler, noch nationaler, geschweige denn internationaler Art. Und schließlich haben Gärten ja doch so viel mehr zu bieten als Blumen. Zum Beispiel einen Sumpf.

Ja, denn während der Fahrt rauf auf den Müllberg, fällt mein Blick auf Gras, ein paar Kinderschaukeln und auf einen Sumpf. Den haben sie zur IGA extra angelegt. Toll, ein Sumpf, denke ich. Vielleicht ist das eine Reminiszenz an die Stadt Berlin? Also, historisch betrachtet. Denn der Name Berlin soll ja auf den altslawischen Begriff berl für ‚Sumpf‘ zurückgehen, also braucht eine IGA in Berlin natürlich auch einen Sumpf. Ja, nee, is‘ klar.

Mittlerweile rauscht die Seilbahn dem sogenannten Wolkenhain auf dem ehemaligen Müllberg entgegen. Der Bau ist ein weißes Gebilde, eine Aussichtsplattform, ein…äh…? Ich weiß auch nicht, auf diesen Architektur kann ich mir keinen Reim machen. Und schließlich, ich bin ja auch nicht wegen der Architektur hier, sondern wegen … ach ja, wegen der Blumen.

Jetzt geht’s bergab

Auch während der Talfahrt der Seilbahn hinab auf die marzahnische IGA-Seite sind nicht wirklich viele Blumen zu sehen. Keine Meere von im Wind wogenden, bunten Köpfchen, keine Rabatten, kein Halm. Dafür gibt die gen Marzahn sausende Seilbahn den Blick frei auf die für den Bezirk so berühmte DDR-Platte. Doch, ja, die Ausblicke sind schon spektakulär. Und es ist auch toll, dass die Stadtplaner die IGA in diesem Bezirk angesiedelt haben, ehrlich gemeint. Ein bleibender Mehrwert für die Menschen, die hier leben, ist es allemal.

Die Gärten der Welt gab es dort ja bereits vor der IGA. Und es war auch eine gute Idee, diese Gärten mit der IGA zu koppeln. Denn so haben die GdW Zuwachs bekommen. Und diesem Zuwachs wenden wir unsere Schritte als nächstes zu, da wir am Haltepunkt Marzahn gezwungen wurden, die Seilbahn zu verlassen, O-Ton des jugendlichen Seilbahnwärters an meinen Mann gewandt: „Nee, Rundfahren machen wir keene, junger Mann.“ Schade, eigentlich. Ich hätte auch noch ’ne Runde gedreht.

Gartenkunst, Kunstgarten

Aus den IGA-Unterlagen erfahre ich, es handelt sich bei den Gärten-der-Welt-Neubauten um sogenannte Gartenkabinette, gestaltet von international renommierten Gartenarchitekten. Aha. An einem verrosteten, eisernen Schiffsbauch hängen silberne Urnen, aus denen was wächst – keine bunten Blumen. Ein anderes Kabinett erinnert an ein Spiegelkabinett mit Wasser drumrum. Im chinesischen Kabinett gibt es eine große, zugige Hütte. Der Libanon hält Kois in einem sehr trüben Wasser. Kanada arbeitet mit verkohltem Holz. Wir gehen weiter.

Nur, nebenbei bemerkt, Blumen blühen hier in den Gartenkabinetten selbstverständlich keine.

 

Syrische Bratwurst

Nun, so viel blumenlose Gartenkunst macht hungrig. Nahe der IGA-Arena – in sehr guter Hörweite zu den dort stattfindenden Veranstaltungen (erst wurde uns schreiender Hiphop serviert, dann ein Kinderchorkonzert – wunderbare Welt der Vielfalt!) – gibt es einen Selfservice. Wir stellen uns an. Die Bratwurst 3,90€ (Biobratwurst 4.90€), Biolimo 3€ plus Pfand – pro Person wohlgemerkt. Für die Bratwurst muss man am Biolimostand Jetons kaufen. Die beiden jungen Leute am Biolimostand sind ob des massenhaften Andrangs (von etwa fünf Menschen) völlig überfordert. Gut, es dauert halt.

Während ich mit den Biolimos einen Platz suche, stellt sich mein Mann am Bratwurststand an, bzw. da ist gar keine Schlange. Freu, das müsste also schnell gehen, denke ich. Ich warte und trinke schon mal einen Schluck Biolimo. Warte. Und noch einen Schluck, warte, noch einen … Als die Flasche nach einer guten Viertelstunde fast leer ist, kommt mein Mann mit den Bratwürsten. Ich frage, warum das so lange gedauert hat, wo da doch niemand vor ihm war. Er erklärt mir, dass der den Jetonwurststand betreuende junge Mann mit Migrationshintergrund (vermutlich nördliches Afrika) eine Wurst erst auf den Grill legt, sobald ein (hungriger) Gast vor ihm steht. Dann grillt er die Wurst seeehr langsam von jeder Seite, während sein Assistent, ein chinesischer Austauschstudent, mit dem Rösten des Brotes erst beginnt, sobald die Bratwurst aber wirklich gut durch ist. Ja, und das alles zusammengerechnet dauert halt.

Nun, egal. Zum Nachtisch noch eine Kugel Eis für 1.80€ (ohne Jetons), bummeln wir weiter begleitet von dem Kinderchor, den man wirklich sehr weit auf dem Gelände hören kann. Gartenkunst mit Musik.

Unterm Mandelbaum

Letztlich waren wir über drei Stunden unterwegs auf dem IGA-Gelände. Ein paar Blumenrabatten gab es auch noch am Wegesrand, hin und wieder wogten sogar ein paar Tulpen. Mandelbäume warfen ihre Blüten ab und verwandelten eine Wiese in ein rosa Meer. Und ansonsten bin ich mal gespannt, wie es denn bei meinem nächsten Besuch so aussieht auf der Berliner IGA. Denn schließlich habe ich ja eine Dauerkarte geschenkt bekommen. Und ich gelobe feierlich, ich werde nicht aufgeben, die Blumen zu suchen. Sag mir wo die Blumen sind…

Will be continued…

Schöner leben mit dem Wahlomat

Schöner leben mit dem Wahlomat

Auch wenn ich nicht in NRW, Schleswig-Holstein oder im Saarland lebe, finde ich es doch immer wieder interessant, auch mal dort den Wahlomat zu bedienen, wo man nicht wohnt und nicht mit der Landespolitik vertraut ist. Interessant vor allem, weil man dabei auf Meinungen und Themen stoßen kann, die einem in der eignen Landespolitik vielleicht nicht begegnen. So geschehen heute im Wahlomat für die kommende Landestagswahl in Nordrhein-Westfalen.

Ich mache bei allen Fragen mein Kreuzchen, gewichte im Anschluss die Themen und werde wie immer zum Abschluss vom Wahlomat gefragt, welche Parteien ich vergleichen will. Wie sonst auch, bin ich versucht, alle sechs mehr oder weniger etablierten Parteien bekannt aus Film, Funk und Fernsehen anzukreuzen, und fertig. Zur Sicherheit scrolle ich trotzdem noch runter zu Sonstige. Und da fällt mein Blick auf einen bunten Vogel. Sieht auf den ersten Blick ein bisschen wie der Twitter-Vogel aus, denke ich. Hat Twitter jetzt eine eigene Partei gegründet? War mir bislang entgangen.

Schöner Leben

Ich scrolle über das Logo und erfahre, hier handelt es sich um die Partei Schöner Leben. Wie nett. Netter Name für eine Partei. Spricht mich an. Schöner leben. Ich denke darüber nach. Ja, da gibt es sicher das eine oder andere, was noch schöner werden könnte – das Zusammenleben der Menschen zum Beispiel, sich mit Respekt und Anerkennung begegnen, anderen Zuhören können, die Zusammenarbeit für eine friedliche Welt, in Achtsamkeit für Natur und Gesundheit zu leben, eine höhere Verbindlichkeit unter den Menschen. Gut, das sind ein paar Dinge, die Leben schöner machen könnten. Doch sind das Themen, die in die Hände von Politikern gehören? Können die etwas tun, um mehr Verbindlichkeit in unserer Gesellschaft herzustellen? Schwierig. Zwar haben Politiker Leitbildfunktion, doch sie sind auch Menschen, viele von ihnen verfangen in dem Durcheinander, in dem sich diese Gesellschaft befindet und anscheinend ungeeignet, etwas nachhaltig zu ändern.

Neu denken

Was ist denn eigentlich die Parole dieser neuen Partei „Schöner Leben“? „Die politische Landschaft auf den Kopf stellen und Parteienpolitik konsequent erneuern“ lese ich auf der Parteiwebsite. Ok. Klingt erstmal vernünftig bei dem Ruf, den Parteipolitik hat. Aber, Moment…, irgendwie kommt mir dieser Satz bekannt vor. Waren da nicht mal vor ein paar Jahren diese Nerds mit der Augenklappe im Logo? Die wollten doch auch die etablierte Parteienlandschaft kapern und versenken. Und auch von dieser noch relativ neuen Rechtsaußenpartei meine ich solche Anliegen vernommen zu haben. Und, ach ja, in den 80zigern des vergangenen Jahrhunderts, da gab es doch auch schon mal Leute, die den Muff aus den Talaren der Politik kehren wollten.

Was aus den Nerds geworden ist, ist bekannt, mit Mann und Maus im Politsumpf untergegangen. Was aus den Rechtsauslegern wird, bleibt abzuwarten. In Selbstzerlegung sind sie jedenfalls schon prima geübt. Ja, und die mit den muffigen Talaren tragen diese inzwischen selbst. Was also soll eine nächste Partei, die das etablierte System einer von Lobbyismus dominierten Politik durchbrechen will?

Zumindest auf den ersten Blick scheint diese neue Partei etwas richtig zu machen. Da ist viel von Mitmachen die Rede auf der Website. Und Listenplätze werden zum Teil verlost. Und ja, ich kann dem auch nur zustimmen, es braucht neue (ich würde es „andere Diskurse“ nennen) Diskurse in diesem Land, besser gesagt auf diesem Planeten. „Schöner Leben“ will „ein wertschätzendes, kreatives, achtsames und phantasievolles, kurz gesagt, ein schönes Miteinander“. Gut so. Ich wünsche ihnen, das sie das hinkriegen, ohne sich im etablierten Politdschungel zu verlaufen. Und wenn sie bei einer Wahl antreten, die ich auch mitmachen darf, mal sehen, vielleicht wähle ich sie ja sogar. Der Wahlomat NRW meint jedenfalls, ich sollte das tun.

Wer bist du?

Wer bist du?

Niemand fragt „Wer bist du?“, sondern nur „Was bist du?“. Und genau das ist das Problem.

Diese Sätze twitterte ich am 22. Januar 2017, gegen 22h. Sie waren im Wiener Tatort gefallen. Sie bringen eine Essenz auf den Punkt, die ich so bislang nur sehr selten per TV frei Haus aufs Sofa geliefert bekommen habe. Dem ORF und der ARD möchte ich ausdrücklich dafür danken, dass sie sich getraut haben, diese Wahrheit so unumwunden auszusprechen.

Ich war verwundert, über die Resonanz, dieser Tweet auslöste. So viele Likes und Retweets habe ich jedenfalls noch nie bekommen.

Für alle Nicht-Tatörtler sei kurz erklärt: Diese Sätze sprach etwa sinngemäß ein Vater zu seinem Sohn, nachdem ihm dieser den Abbruch seines Studiums verkündet hatte. Als Konsequenz der Umstände seines jungen Lebens entführt der junge Mann daraufhin seine Eltern und verkündet per Livestream deren und seine bevorstehende Tötung. Es folgt das Anlaufen der Kriminalmaschinerie mit Sonderkommission und SEK. Und es folgt die Analyse der Spezialisten, wer dieser Täter ist.

Wer bist du, Täter? Diese Frage steht bei so gut wie jedem Krimi zunächst im Mittelpunkt. Da wird der Wohnort, das berufliche und das private Umfeld ermittelt. Doch beantworten diese Ansätze wirklich die Frage nach dem „Wer“? Oder fragen sie eher nicht nach dem „Was“?

Was bist du?

Menschen antworten auf die Frage „Wer bist du?“ meistens mit dem, was sie arbeiten, Postbote, YouTube-Star, Bibliothekarin, Psychologe, Chirurgin, Klempner. Beantwortet das die Frage, nach dem wer du bist? Ich denke nein. Was wir arbeiten macht sicher einen Teil dessen aus, wer wir für den Moment sind. Aber erklärt nicht, wer du bist.

Bedeutet das, was wir sind, in dieser Welt mehr als das, wer wir sind? Menschen scheinen das zu glauben. Oder würden sie sonst so selbstverständlich die Frage nach dem Wer mit einer Antwort aus dem Was reagieren? Vielleicht sind sich die Menschen aber einfach auch nicht darüber im Klaren, wer sie sind. Und vielleicht ist diese Frage ja auch gar nicht so einfach zu beantworten.

Wer bist du?

Wer bin ich? Ich bin ein atmendes, denkendes, fühlendes Wesen. Soviel kann ich für den Moment feststellen über mich. War gar nicht so schwer, mir diese Frage zu stellen und sie zu beantworten. Dass das nicht die ganze Antwort sein kann, vermute ich jetzt einfach mal. Ich finde es spannend, sich weiter auf diese Reise zu begeben und zu erforschen wer ich bin.

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