Kategorie-Archiv: Begegnungen

Als ich Kissinger traf

Ich arbeite an einem Ort, an dem es ganz normal ist, wenn sich die Fahrstuhltür öffnet und heraus grüßt der Außenminister. In der Kantine stehe ich manchmal in der Schlange hinter einem vollbärtigen Präsidenten. Dieser Tage lächelte mir gerade ein potenzieller sozialdemokratischer Kanzlerkandidat zu. Der amtierenden Chefin unseres Landes begegnet man allerdings selten. Gestern sah ich ihr kurz Backstage bei einer Rede vor dem Hohen Hause zu. Politpromis im Vorübergehen zu treffen gehört also bei mir zum Alltag wie die verspätetet S-Bahn. Dennoch gibt es immer mal wieder Situationen, die herausstechen und mich beseelen. Und das war vor kurzem der Fall… Als ich Kissinger traf weiterlesen

woman in red

eine glänzende rüschenjacke aus kunstseide in einem leuchtenden kirschrot. in gleicher farbe eine rose am revers. ton in ton auch die knöchellangen leggings und die mandarina-duck-tasche auf den knien. alles andere ist in strahlendem weiß gehalten: bluse, armbanduhr, schuhe (knöchelsandalen nietenbesetzt). strass glitzert von ohrclips, fingerringen und an der uhr. wie kirschen leuchten auch die lippen. die haare sind schwarz gefärbt. grau schimmert an den ansätzen durch. die brauen sind in einem kühnen schwung gezupft und schwarz nachgetuscht. die augen sind grau und blicken etwas traurig. woman in red weiterlesen

feels like a russian

was ist ein tschaika? dieser frage sah ich mich neulich gegenüber inmitten eines ehemaligen russischen truppenübungsplatzes. was ich da machte? hatte was mit einem film zu tun und mit panzern und mit polen und mit solidarnosc (ich empfehle am 29.09. um 20.15 arte einzuschalten). panzer, flugabwehrkörper und co interessieren mich ja an sich eher wenig. ist in meinen augen alles in einem
hässlichen grün gestrichen, sieht unbequem aus und macht zu viel lärm. feels like a russian weiterlesen

mediziner des grauens

neben mir in der sbahn sitzt ein typ, lange haare, schwarzer mantel, so einen dämlichen opahut auf, anfang mitte 20. er sieht sich die ergebnisse seinen multiplechoice medizinertest an – zweites semester. ich könnte hier jetzt sogar seinen namen preisgeben – war alles zu lesen – und hätte nicht übel lust dazu. denn der typ verhält sich absolut asozial – macht niemandem platz, rückt keinen millimeter zur seite als ich mich an ihm vorbei auf den fensterplatz quetsche. über seine blöden langen beine muss ich rübersteigen. und so was wird also in ein paar jahren auf patienten losgelassen. examen per ankreuztest und soziale kompetenz mangelhaft. ich graue mich jetzt schon davor, so einem in die hände zu fallen. wo bleibt der soziale eignungstest für menschen, die über menschenleben entscheiden?

sangria mit eisbein

morgens in der sbahn ist ja eigentlich nur eine sorte leute unterwegs: die, die zur arbeit oder in die uni eilen. die mit eher viel freizeit fahren später (außer rentner, die sind ja immer früh auf den beinen). die spezies zur-arbeit-eilender zeichnet eines aus: sie spricht nicht. sie starrt aus dem fenster oder liest zeitung. umso mehr fällt es also auf, wenn morgens in der bahn plötzlich jemand spricht. noch dazu, wenn er laut spricht. und umso mehr, wenn er mit sich selbst spricht. obwohl – mit sich selbst sprach der mann mit dem sangria-tertapack in der brusttasche seiner jacke eigentlich gar nicht. nach einem kräftigen frühstücksschluck aus der packung erzählte er allen in hörweite, dass er heute geburtstag habe. hier machte er eine pause – ich vermute um etwaigen spontanen gratulanten die möglichkeit zu sprechen zu geben. keiner sagte was. er werde 47, erzählte der mann weiter. das sei doch kein alter, oder? niemand stimmte zu. jetzt sei er auf dem weg zu oma. da gebe es heute eisbein. extra für ihn. noch ein schluck sangria. dann sagte er noch wie toll seine oma sei und wie toll, dass sie ihm eisbein koche. als er das sagte wurde seine raue trinkerstimme richtiggehend weich. ich fand es irgendwie rührend, dass der mann sich auf seine oma freut und seinen geburtstag mit ihr bei eisbein und sangria verbringt. und ich fand es traurig, dass ihm niemand in der sbahn gratuliert hat. ich hab mich mal wieder nicht getraut, was zu sagen. deswegen von hier aus: happy birthday, eisbeinmann!

der handy-man

heute morgen in der s-bahn: ich hatte die zwischenbahn genommen (die mit umsteigen in ostbahnhof). ab ostbahnhof war quälende fülle (die mit ganz engem körperkontakt zu menschen, die man nicht kennt und auch nie so genau kennenlernen wollte). zwischen jannowitzbrücke und alex klingelt ein handy. ein älterer herr – vielleicht mitte sechzig, grauer haarkranz, distinguiert gekleidet, dunkler mantel, anzug, schlips – nimmt sein handy zur hand. zur hand wohlgemerkt, nicht ans ohr. er hält es vielmehr wie ein lästiges etwas in mundhöhe und starrt es an. dann spricht er. und das handy antwortet. denn der mann hat in der übervollen s-bahn den lautsprecher eingeschaltet. der mann schnarrt das gerät an: „ja, hallo?“ das gerät schnarrt zurück: „ja, hallo, hier ist meyerdirks (name von der red. geändert). ich rufe an wegen dem schlafzimmer.“ spätestens bei diesem letzten wort hat der ältere herr die volle aufmerksamkeit aller mitfahrer im waggon. alle, die zunächst leicht peinlich berührt weghörten, hören nun gespannt hin. es entspannt sich ein dialog um ein schlafzimmer, was es anzuschauen gilt und ob es bei dem termin am freitag bleibt. beide seiten reagieren etwas ungehalten. anscheinend hat das gespräch bereits eine vorgeschichte. das handy sagt: „ich hoffe, ich werde hier nicht verarscht.“ wow – jetzt gehts rund. alle mitfahrer halten gespannt den atmen an. der distinguierte ältere herr antwortet: „nein, sie werden hier nicht verarscht.“ in den ersten gesichtern der mitfahrer bricht sich ein lachen aus dem bisherigen grinsen bahn. handy und mann plänkeln noch eine weile hin und her. es bleibt bei dem termin am freitag. sicher bin ich nicht die einzige, die überlegt zu fragen, wo der termin stattfindet und ob man vielleicht als zuschauer dabei sein darf. drei stationen weiter, das gespräch ist längst zu ende, grinsen immer noch einige mitfahrende. der tag fängt gut an.

riesen in berlin – eine foto-lovestory

warten auf die riesen. „guck ma‘ jundula, der da vorne ist echt jroß, ist det schon eener von de riesen?“

kurze krise bei der jugendlichen bevölkerung während der wartezeit: „ich will riesen und keine riesenbowu…“

und dann kommen die riesen in sicht.

eine riesig gute aussicht hat man von papas schultern.

die kleine riesin reist per boot…

… und fliegt dann durch die luft.

riesiges staunen bei der angereisten bevölkerung.

und da geht die kleine riesin vorbei. ja, sie kann richtig gehen. toll.
und dann kommt papa riese …

… in flotten marschtempo am kanzleramt vorbei.
das interesse der bevölkerung ist doch ziemlich riesig.

per schiff verlassen die netten riesen dann die mitte berlins.

im stadion


ziemlich cool unser olympiastadion. tolle atmosphäre bei der leichtathletikweltmeisterschaft.


dann fing es allerdings an zu schütten wie aus kübeln. abbruch aller wettkämpfe.


aber dann bekam usain bolt seine goldmedaille für die 200 meter und das stadion tobte.


und zum schluss haben wir alle für ihn „happy birthday“ gesungen. da war er ganz schön gerührt.

68er enthemmt

5 lieder brauchte die 62-jährige marianne faithfull bis sie alle 68-jährigen und 68er aus den stühlen gehoben hatte. bei „broken english“ hielt es jedenfalls keinen berliner mehr auf dem klappstuhl in der zitadelle spandau. „It’s just an old war, Not even a cold war, Don’t say it in Russian, Don’t say it in German. Say it in Broken English, Say it in Broken English. What are you fighting for?“ die zeile ließ doch gleich jedes alte revoluzzerherz höher schlagen und in ihren helly-hansen-joppen im takt der rauchigen faithfull-stimme mitschwingen. mit dem schwingen hatte es frau faithfull übrigens nicht (mehr?) so richtig. nun gut, ich will gar nicht wissen wie weit mein bewegungsradius mit 62 sein wird – aber frau faithfulll machte doch verstärkt den eindruck, dass entweder die diversen nahrungsersetzungsmittel der vergangenheit nun doch ihren tribut zollen oder sie gerade einen bewegungsworkshop hinter sich hatte, den joe cocker und tina turner geleitet haben. egal. die etwas schrullige performance, war einfach herzallerliebst. auch wie marianne ein paarmal „oops“ sagte und auch schon mal ein lied von randy newman ankündigte und dann doch eins von nick cave sang. das alles war egal, weil dort eine legende auf der bühne stand und ihrem publikum ganz nah war. fast verschämt jungmädchenhaft wingte sie immer wieder jemandem im publikum zu und freute sich über die verzückten reaktionen. und nach der ballade von lucy jordan wies sie die ordner an, endlich die jubelnde menge zu ihr an die bühne zu lassen. ganz nah. überhaupt gab marianne faithfull ihren nahezu 5.000 fans das gefühl einem happening der alten schule beizuwohnen. alles eine ganz große familie. alles peace. die pieces kreisten übrigens auch zu hauf. und als sie „as tears go by“ ankündigte, lächelte sie und meinte: „so, jetzt kommen wir ganz zum anfang zu dem song, mit dem „this damned things begun“. was für ein damned good thing, marianne. du warst wonderful. „working class hero“ wollte sie übrigens nicht singen. ich hatte schon vermutet, dass läge sicher an der weltwirtschaftskrise und so. aber sie meinte nur, das singt sie dann im november, wenn sie wieder in berlin ist. meine empfehlung: hingehen!