Tag 9

Die Küstenstraße zwischen Namib und Atlantik.

Neujahr. Wieder on the road. Abfahrt von Swakopmund und weg vom kühlen Atlantikstrom in Richtung Norden. Ein ganzes Stück fahren wir die Küstenstraße zwischen Atlantik und Namib entlang. Endlose Sandwüste zur Rechten, stürmisches Meer zur Linken. In Hentis Bay biegen wir ab in die Wüste. Weiter geht es Kilometer um Kilometer auf Schotterpisten. Ein Zwischenstopp am Straßenrand. Unter dürftig gedeckten Strohdächern sitzen Frauen in der Tracht der Hereros. Sie bieten kleine Glückspuppen und Schmuck an. Ich kaufe zwei. Glück kann man ja immer mal gebrauchen.

Hererofrau verkauft am Straßenrand selbst hergestellte Püppchen.

Weiter geht es zum Lebenden Museum der Damara. Und irgendwie ist das eigentlich nichts anderes als wenn wir im Schwarzwald in ein Heimatmuseum gehen und dort Frauen in Tracht uns zeigen wie sie vor hundert  Jahren gelebt haben. Nur sind eben die Schwarzwälderinnen nicht nackt. Aber egal, nach den ersten zögerlichen Schritten ins Damaradorf, zieht uns die englisch sprechende Damarafrau in ihren Bann. Sie erzählt von dem Projekt, und dass es 2010 unter anderem auch deswegen ins Leben gerufen wurde, um den eigenen jungen Leuten die verlorene Kultur näherzubringen. Wir erfahren welche Heilkräuter die Damara benutzten, wie Feuer gemacht wurde, sehen wie die Frauen aus Straußeneiern Knöpfe und Schmuck herstellen und wie die Männer Feuer machen.

Schmuckwerkstatt
Feuermacher

Mit einem Kugelspiel, das ich nicht ganz verstehe, wurde der nächste Häuptling ausgespielt. Das klingt fair. Zum Schluss wird noch kurz getanzt und gesungen. Fertig. Irgendwie ist es so, als würde man in die Privatsphäre von jemanden eindringen. Doch das ist es mitnichten. Diese jungen Frauen und Männer halten ihre Kultur wach und freuen sich, wenn sich jemand dafür interessiert. Auf die Frage, was denn ihr Mann arbeiten würde, antwortet die Damara-Guide, der ist zu Hause und passt aufs Kind auf. Moderne Geschlechtergerechtigkeit. So soll es doch sein.

Bundestagswahl: Wer gewinnt, ist der nächste Häuptling.

Soweit das Highlight des Tages. Nach einer langen Fahrt mit Zwischenstopp im Versteinerten Wald und bei recht vertrocknet aussehenden Welwitscha-Pflanzen, sehnen sich alle nach der Ankunft in der Lodge des Tages. Damara Mopane heißt sie. Unerwartet erfreut uns alle im Bus kurz vor der Lodge eine weitere Durchsage unseres Guides: „Ende der Schotterpiste“. Wow! Was für ein Gefühl! Plötzlich von jetzt auf gleich auf Asphalt zu fahren, ich ahnte nicht, dass dieses Gefühl mich mit einer solchen Freude erfüllen könnte. Nichts gegen die Schotterpiste. Denn nach fast tausend Kilometern Dauerrütteln habe ich das Gefühl, meine Rückenschmerzen gehören der Vergangenheit hat. Ich fühle mich eigentlich rundum durchbewegt. Aber so ganz nackter, ebenmäßiger, schlichter Asphalt hat auch seine guten Seiten.

Coole Straßenschilder haben sie da, in Namibia!

Well. Also, endlich kommt die Mopane Lodge in Sicht. Erschreckend viele Autos stehen auf dem Parkplatz und bedrohlich viele Kinder plantschen im Pool. Leider die meisten davon deutsch sprechend, so dass ich mir bei meinem Sundowner-Beer auf der Terrasse ein bisschen vorkomme wie in einem deutschen Freibad. Doch dazu fehlt der Pommesgestank. Und auch die Vegetation kriegen sie in Germany nicht so hin. Hier tschilpt und zirpt Getier aus vollen Kehlen in den Keine-Ahnung-wie-die-heißen-Bäumen. Rund um Pool und Haupthaus gruppieren sich die Zimmer, wie bei üblich Gondwana ist jedes in einem eigenen Bungalow untergebracht. Alle Häuschen sind von Nutzgärten umgeben, die zur Versorgung der Lodge dienen. Aus meinem Garten starren mich Riesenkürbisse an. Ich bin gespannt auf das Abendessen.(…)

Etwas später. Das Essen selbst – und die Kürbisse – sind hervorragend gut. Doch während des Abendessens ist es endlich soweit: Realität goes Hummeldumm. Mitreisende halten unserem Guide lachend eine Flasche „Allesverloren“ unter die Nase. Was für ein lustiger Name für einen Wein, haha. Was sie nicht wissen ist, dass der Guide erst wenige Wochen zuvor sein Haus bei einem Brand verloren hat. Und hätte ich nicht wie alle pflichtbewussten deutschen Namibia-Touristen auch vor Beginn der Reise das Buch „Hummeldumm“ gelesen, wäre mir jetzt vielleicht nur halb so sehr zum Fremdschämen zumute.
Doch es geht noch hummeldümmer weiter, als sich die nächsten Gesprächsthemen um „Heino rockt Windhoek“ drehen. Und auch hummeldummernde, dauerbesserwisserische Globetrotter haben wir in unserer Reisegruppe zu bieten. Der Maiskolben beim Abendessen, nee, der sei ja nix. Ähnlich schlecht wie in Peru. „Hans*, du erinnerst dich doch, oder?“ Hansemann rollt mit den Augen und brummelt etwas Unverständliches in seinen Dortmunder Bart. Ob er sich erinnert, ist seinen verbalen Äußerungen nicht zu entnehmen, wohl aber seinen nonverbalen. Wenn ich es mir recht überlege, habe ich den Mann in den vergangenen sieben Tagen insgesamt keine zehn Sätze sprechen hören. Wie auch? Sofort und bei jedem Thema globetrottelt ihm seine Frau dazwischen. Es sind nicht alle Abende so. Doch nach neun Tagen ist klar, „Hummeldumm“ ist ein Sachbuch.
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* Name von der Redaktion geändert.

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