Schlagwort-Archiv: reise

Fünf Kanonenschläge um sechs

So wird man geweckt    an Leonhardi. Ein ohrenzerfetzender Kanonenschlag  riss die Menschen um Punkt sechs Uhr aus dem
Tiefschlaf. Erst dachte ich, ich hätte den Lärm geträumt. Doch im
Minutenabstand folgten vier weitere Donnerschläge, die durch das enge Weissachtal hallten wie die Peitschenhiebe eines Riesen. Als potenziell andere denkbare Möglichkeit zog ich blitzschnell in Betracht, dass die Österreicher einen auf Putin machen und sich überlegt hätten mal eben Bayern zu annektieren. Unmittelbar nach den Kanonen einsetzendes Kirchengeläut bestätigte mich in dieser Annahme. Hier war Großes im Gange. Fünf Kanonenschläge um sechs weiterlesen

Namibia – eine Rückschau

„Ich hatte eine Farm in Afrika“ – dieser prägnante Eingangssatz aus der Verfilmung von Tania Blixens Roman „Jenseits von Afrika“ wollte mich die ersten Tage in Namibia gar nicht mehr loslassen. Er hatte sich förmlich in mein inneres Ohr eingenistet während ich mit einer kleinen Reisegruppe im modernen Mercedes Sprinter über die staubigen Schotterpisten dieses wunderschönen Landes brauste. Denn was war das für eine Weite! Und was für eine Leere. Namibia – eine Rückschau weiterlesen

Mehr Spontanität

Es war Freitagnachmittag. Wir hatten etwas zu feiern, etwas mit 5 Jahren und Ringetausch. Wir standen auf dem Supermarktparkplatz. Wir überlegten, wo wir essen gehen könnten. Er sagte: Ich könnte auf Fisch. Ich fragte: Am Meer? Wir sahen uns in die Augen. Er startete den Motor. Runter vom Parkplatz. Rasch nach Hause. Hotel gesucht, gebucht, Sachen gepackt. Und los! Keine Stunde nach unserer spontanen Entscheidung waren wir auf dem Weg zum Meer. Und keine drei Stunden später waren wir dort. Eingecheckt, ausgepackt, frisch gemacht. Und dann saßen wir am Meer. Wir hörten und sahen es rauschen und genossen ein exquisiten Essen am Meer. Und das Schönste war: Am Meer hatte es heftigst geschneit. Ganz Usedom lag wie ein Zauberland unter einer dicken,weißen Decke. Unser Motto für 2013: mehr Spontanität! Erfolgreich umgesetzt. Schön, dass man von Berlin so schnell ans Meer kommt.

 

ganz anders als erwartet

freiwillig zieht einen ja nix nach warschau. denkt man über eine städtereise nach polen nach, sagt alle welt gleich: krakau. kann ich nix zu sagen, war ich noch nicht. aber dafür war ich letztens in warschau. und was war das für eine überraschung. natürlich strahlt die stadt an vielen ecken noch den charme einer sozialistischen metropole aus.
aber auch nur hintergründig. denn mal ehrlich, mit riesigen coke- oder banken-reklamen hatte es der sozialismus ja nicht so. die zieren aber in warschau viele der ehemaligen volkseigenen gebäude. nun gut, eine zierde sind diese reklametafeln nicht. nirgends auf der welt. aber da ist warschau ebenso im westen angekommen wie es san diego oder san sebastian schon immer waren. wo die sozialistische bauweise aber was hermachte, da haben die warschauer sie auch erhalten wie zum beispiel in ihrem kulturpalast, der einem natürlich sofort ins auge fällt, wenn man aus dem hauptbahnhof centralna herauskommt.

was aber weitaus überraschender war, ist die warschauer altstadt, die in einem geradezu fantastischen zustand ist. beim bummel über die Trakt Królewski (eine der längsten repräsentationsstraßen der welt) glaubte ich mich zu erinnern, dass warschau bei kriegsende fast vollständig in trümmern gelegen hatte. und nun dieses einheitliche bild gut erhaltener fassaden und gebäude? ja. denn zahlreiche der paläste und wohnhäuser und die komplette warschauer altstadt sind zum teil erst in den 80er jahren wieder aufgebaut worden. und so ist in warschau ein ambiente entstanden, was wirklich selten ist. ganze straßenzüge ohne eine moderne anmutung versetzen einen zurück in eine zeit irgendwo zwischen rokoko und klassizismus. die altstadt von warschau ist uneso-weltkuklturerbe. auf dem prächtigen marktplatz, dem Ryneck, herrscht ein munteres treiben, laden straßencafés zum sitzen und gucken ein und klingt der jazz aus den bekannten clubs.

ganz verträumt ist dagegen der Łazienki-Park. der 80ha große park im englischen stil gehört zu den schönsten parkanlagen europas. und abgesehen von dem wie ich finde eher scheußlichen chopin-denkmal, bietet der park eine fülle von wunderschönen blickwinkeln auf schlösschen und skulpturen. alles in allem: warschau ist eine reise wert.

feels like a russian

was ist ein tschaika? dieser frage sah ich mich neulich gegenüber inmitten eines ehemaligen russischen truppenübungsplatzes. was ich da machte? hatte was mit einem film zu tun und mit panzern und mit polen und mit solidarnosc (ich empfehle am 29.09. um 20.15 arte einzuschalten). panzer, flugabwehrkörper und co interessieren mich ja an sich eher wenig. ist in meinen augen alles in einem
hässlichen grün gestrichen, sieht unbequem aus und macht zu viel lärm. feels like a russian weiterlesen

pano, die alte plaudertasche

so ein pauschalurlaub ist ja nicht nur vergnügen. nein. man hat da ja auch den namen seiner nation zu verteidigen. oder zu revidieren. je nach dem. kommen wir also zur diesjährigen nationenwertung erhoben im kretischen hochsommer. per wildcard als gastgeberland automatisch platziert machte griechenland in der rubrik „machismo“ den italienern konkurrenz. und die griechen hatten ihren besten mann ins rennen geschickt. pano, die alte plaudertasche. pano, die alte plaudertasche weiterlesen

moderne helden

dresden hat eine wiese nach joe cocker benannt. allerdings, nicht offiziell. der begriff „cockerwiese“ hat sich eher alltagssprachlich für die ehemaligen güntz- oder blüherwiesen eingebürgert. aber zumindest soweit, dass damit auf veranstaltungsplakaten geworben wird. 1988 hatte cocker hier ein konzert gegeben. vor etwa 10.000 menschen. damit eines der größten musikereignisse der ddr (laut wiki). fans sprechen vom „hauch woodstocks in dresden“ (hinter diesem link verbergen sich übrigens sehr lustige zeitzeugen-fotos…

ein fall von selbstüberschätzung


dresden behauptet von sich selbst „die schönste stadt deutschlands“ zu sein. ich frage mich: warum oder wann war das oder wann wird das sein? große teile der stadt sind in einem geradezu räudigen zustand, bei dem man sich fragt, wie lange die deutsche einheit und die einführung des solidarzuschlags nebst ostförderung eigentlich her sind. es ist nicht so, dass sich in dresden nix tut. ganz im gegenteil: die ganze stadt ist eine einzige baustelle. baustelle der waldschlösschenbrücke direkt vorm hotel. ihre krähne und erdhügel verstellen den von der hotelwebsite so gelobten canaletto-blick. ganz davon abgesehen, dass ich mich bei canaletto gar nicht an diese riesigen plattenbauten erinnern kann. baustelle an der frauenkirche. gerade erst so feierlich eröffnet, klafft neben der kirche ein riesiges loch, wühlen bagger, lärmen presslufthammer, was den genuss eines kaffees auf dem ansonsten einzigen wirklich nett hergerichteten platz der stadt etwas trübt. baustelle am altmarkt. hier entsteht ein nh-hotel. prima das korrespondiert hoffentlich nicht mit dem extrem üblen 70er-jahre-bau des kulturpalastes, der den blick auf die altstadt komplett verstellt und m.e. abgerissen gehört. baustelle in der prager straße, der einkaufsstraße dresdens mit den gleichen blicklosen hochhausglasshoppingpalästen wie in jeder deutschen stadt. keine baustellen an oper, zwinger, schloss, albertinum oder brühlschen terrassen. hier würde man sie sich allerdings wünschen. denn die vorzeigeobjekte dresdens dräunen dem betrachter mit rußgeschwärzten fassaden entgegen. soll das eine mahnung sein? wenn ja, ist sie misslungen. die stadt wirkt in weiten teilen unfreundlich und abweisend und städteplanerisch konzeptionslos. ich kann da nur einen tipp geben: entweder zwanzig jahre warten mit dem hinfahren bis hoffentlich alle baustellen beendet wurden oder hinfahren angucken weiterfahren – zum beispiel nach meißen, geradezu ein juwel mittelalterlicher baukunst und eines behutsamen wiederaufbaus.

goethe roasted

wiege der deutschen klassik. wirkungsstätte goethes, schillers, wielands, herders, nietzsches und anderer großer deutscher denker und dichter. wallfahrtsort internationalen bildungsbürgertums. das dachte man sei weimar. falsch gedacht. im diesem pittoresken kleinstädtchen am rande des thüringer waldes treibt eine ganz andere, perfide spezies ihr unwesen: der bratwursttourist. so penetrant muss er dem weimaraner erscheinen, dass dieser auf schildern (s. foto) vor diesem halunken warnt. und dabei hatte doch schiller höchstselbst bereits das fundament für diese touristische einnahmequelle gelegt:

Fest gemauert in der Erden
Steht der Grill, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Bratwurst werden.
Frisch Gesellen, seid zur Hand.
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von oben.
(…)
Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken laßt es sein,
Daß die eingepreßte Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein.
Brat des Wurstes Brei,
Schnell den Darm herbei,
Daß die zähe Wurstesspeise
Schmecke nach der rechten Weise.

hausboot

„ich, sir?“ „nein, sir.“ „wer, sir?“ „du, sir“ „wer, sir, ich …“ usw. es gibt diesen herrlich zauberhaften film mit sofia loren und cary grant, einer kinderschar und einem hausboot. ein hausboot. eine materie, die mir bislang ungefähr so fern lag, wie fallschirmspringen oder handyweitwurf. aber, man soll ja bekanntlich herrn bond niemals nie sagen. nun hat es mich in diesem urlaub also auf ein hausboot verschlagen. und ich muss zugeben. ein wirklich interessante erfahrung.

also, genaugenommen ist ein hausboot nix anderes als ein schwimmender wohnwagen. nur ohne vorzelt, dafür aber mit sonnendeck. und auf dem sitzt es sich schon ausgesprochen formidabel, vor allem während der fahrt. da hat es so etwas erhabenes. in den kanälen, auf den flüssen und seen, wo man so rumschippert, gibt es nur selten höhere boote als das wohnboot. und so blickt man während man mit 10 km/h dahinschaukelt ganz gemütlich auf die kleinen bötchen herab, hebt gelassen nach seefahrermanier die hand zum gruße und schippert weiter. auch in schleusen hat man als großes boot vorfahrt – außer es gibt noch größere boote. das schleusen selbst ist allerdings mit so einem panzerkreuzer-hausboot eine herausforderung. muss man doch beim aufwärtsschleusen (auch „bergschleusen“ genannt) durch leine ziehen das boot in der waagerechten halten und beim abwärtsschleusen leine geben. bei 14 tonnen eine aufgabe – für je einen leichtmatrosen in bug und heck. und erst das anker lichten… eine winde per hand zu bedienen, an denen ein paar satte kilo stahl nebst einigen eimern flussschlamm hängen – das gibt ankerhände! aber, das ankern selbst ist beim hausboot-urlaub einfach das größste. fast überall kann man ankern. ausreichend tiefgang (mind. 0,3m) muss es haben und weit genug vom ufer sollte man weg sein (zum schutz von flora und fauna). und wenn dannn das boot mal festgemacht ist, leicht geschaukelt von den wellen, fernab von lärmenden dingen und man die sonne im see versinken sieht, dann ist erholung pur.