Namibia-Tagebuch

Tag 0

00.00h 23.12.2013. Morgen um diese Zeit bin ich in der
Luft. Irgendwo über Südeuropa. Auf dem Weg nach Windhoek. Keine Weihnachtsstimmung. Kein Baum. Kein Punsch. Keine Kekse. Keine Geschenke. Abschied vom Gestern. Aufbruch in ein neues Morgen.

Ich war an Weihnachten noch nie in einem Land, in dem gerade Hochsommer mit tropischen Temperaturen herrscht. Denn ich mag unseren nordeuropäischen Winter. Und auch wenn es an Weihnachten hier nicht immer schneit, ich mag die festliche Stimmung, das Baum schmücken und die Spaziergänge in klirrender Kälte. Früh dunkelt es und die Wärme in der Wohnung lädt ein zum Kuscheln auf dem Sofa.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Das erste Weihnachten ohne meinen über alles geliebten Mann wollte ich einfach nicht tränenüberströmt zu Hause verbringen. Die ganzen liebgewonnen Rituale, wie das zu Fuß den Baum holen unter lautem Absingen von Weihnachtsliedern, das Punschkochen, der Heiligabend mit der Familie, vor all dem hatte ich so große Angst, es ohne ihn nicht überstehen zu können, dass ich mir im Herbst dachte, ich muss etwas komplett anderes machen. Ein Gegenprogramm sozusagen. Als Kind habe ich einmal einen Film gesehen, der von der Etosha-Pfanne in Namibia berichtete. Dieser ehemalige See im Norden Namibias erstreckt sich über 4.700 Quadratkilometer und ist heute Teil des Etosha-Nationalparks. Der Film handelte von dem Phänomen, dass dieser See über viele Jahre ausgetrocknet daliegt, dann regnet es irgendwann und plötzlich – praktisch über Nacht – entsteht dort, wo eben noch trockene, brüchige Salzkruste den Boden bedeckte, ein Paradies. Samen, die lange in der Erde ausgeharrt haben, erblühen. Frisches, saftiges Gras lockt Antilopen, Giraffen, Elefanten und Gnus an. Tausende rosaroter Flamingos staksen durch das flache Wasser.

Seit Kindertagen ist “Etosha” für mich ein magisches Wort. Es verheißt Frieden und Glück. Und irgendwann einmal wollte ich dorthin fahren. Jetzt war dieser Moment gekommen. Wann wenn nicht jetzt, dachte ich in Anbetracht der Erfahrung, die ich gerade durchlebte, wie unglaublich schnell das Leben vorbei sein kann. Und ich wusste auch, diese Reise musste ich allein unternehmen. Es war so etwas wie der Wunsch nach Reinigung, den ich damit verband. In der Sprache der Ovambo bedeutet “Etosha” “großer weißer Platz”. Heute breche ich auf zu diesem großen, weißen Platz. Weiß, ein weißes Blatt, Neustart. Ich weiß nicht, was mich in Etosha erwartet. Ich werde es herausfinden.

18.00h 23.12.2013. Am Flughafen Tegel. Warten auf das Boarding. Gepäck ist
bis Windhoek durchgecheckt. Ich nicht. Ich muss in Johannesburg umsteigen. Südafrikanischer Boden wird meine erste Begegnung mit Afrika überhaupt sein. Obwohl, stimmt nicht. In Nordafrika war ich ja schon mal. Aber zählt Tunesien? Egal. Jetzt geht es los. Morgen, wenn der Tag beginnt,
höre ich den Klang Afrikas.