Ein ganzes ganzes Jahr

Ein ganzes ganzes Jahr

Ein ganzes Jahr im Westerwald ist rum. 24 Monate, 364 Tage. Tage, die wir davon im Garten gearbeitet haben, mindestens 300. Das Jahr verging einerseits sehr schnell und aus Gärtnerinnensicht gesprochen, sehr langsam. Oft viel zu langsam. Den Winter über lernte ich Lektionen in Geduld, welche im Frühjahr nochmals arg auf die Probe gestellt wurden als ich ungeduldig Tag für Tag im Garten unterwegs war, um zu sehen, wo welche Pflanzen sprießten – und wo welche nicht kamen, die ich im Herbst gesetzt hatte. Doch ich fange in der Mitte an. Schauen wir doch mal, wie das Jahr hier Mitte Juni 2018 begann.

Willkommen im Westerwald

Als wir im Juni 2018 hier ankamen, war da ein Garten, der rief: Pflege mich! Da war ein Gartenhaus, das rief: Decke mir ein neues Dach und streiche mich! Und da war ein Sommer, der sagte: Ich bin der heißeste, den du je erlebt hast. Der Garten rund um unser neues Heim war jahrelang nur solala gepflegt worden, nur das aller Nötigste war passiert. Großzügig war irgendwann einmal Unkrautfolie verlegt worden, an vielen Stellen gern auch doppelt und dreifach. Diese Folie war nicht mehr überall mit Erde bedeckt, sondern wehte an manchen Stellen nur traurig im Wind. Dem Überlebenskünstler Unkraut war das egal, die Folie hatte ihm schließlich sowieso keinen Einhalt gebieten können. Um sinnvoll neu pflanzen zu können, mussten wir erstmal die Folie beseitigen. Das hieß: Schwerstarbeit bei 35 Grad.

Dann gab es da noch besagtes Gartenhaus, das neu gedeckt werden musste, um es wieder wasserdicht zu machen. Allein dafür werkelten zwei Männer eine ganze Woche lang. Und wenn wir schon mal dabei waren: Einen neuen Anstrich könnte das Haus ja auch vertragen, wie wir fanden. Gesagt, getan. Zack, noch eine Woche Arbeit weg. Und wiederum Arbeit, die sich so was von auszahlte. Denn jeden Tag, wirklich jeden seitdem, freue ich mich über unser hübsches, blaues Gartenhaus!

Beete, Beete, Beete…

Als nächstes nahmen wir uns die Beete vor. Nachdem wir die Unkrautfolie Beet für Beet raus gezogen hatten, mussten diese umgegraben, die Erde angereichert, gelockert, geharkt und natürlich neu bepflanzt werden. Das alles – Dach decken, Haus streichen, Folien rausziehen, Beete wieder bepflanzbar herrichten – passierte in den ersten vier Monaten unseres Hierseins. Und nur nebenbei bemerkt, das Thermometer zeigte derweil meistens 30 Grad und mehr. Dass der Westerwald ein Regenloch sein sollte, konnten wir so gar nicht bestätigen. Wir fühlten uns hier wie in den Tropen.

Nach dem Einzug hatten wir eine Woche innen eingerichtet, die Schreibtische aufgestellt, alles funktionsfähig gemacht, so dass wir wieder arbeiten konnten. Danach ging es raus ans außen einrichten. Bis Ende Oktober sahen unsere Tage so aus: 7 Uhr aufstehen, Kaffee im Garten, nine to five an den Schreibtisch zum Geld verdienen, und dann ab in den Garten bis das letzte Licht des Tages das Arbeiten unmöglich machte. Vier Monate, sieben Tage die Woche. Danach sah es so aus:

Der Gärtnerin’s Lohn

Wer pflanzt, der kann (meistens) auch ernten – und muss regelmäßig gießen. Nun, 2018 fiel die Ernte natürlich noch etwas übersichtlich aus. Für Tomatenpflanzen war es schon etwas spät als wir einzogen. Trotzdem reiften noch ein paar zum Essen an dem einzigen Strauch, den ich von meiner Freundin geschenkt bekommen hatte. Überhaupt waren zwei Pflanzenlieferungen aus den Gärten zweier Freundinnen höchst willkommen. Damit zogen dann tolle Gräser, schöne Stauden und der ein oder andere Bodendecker in unsere Beete ein. In das kleine Hochbeet hatte ich nach dem Aufbau einfach ein bisschen Radieschen und Salat ausgesät. Und die beiden Leckerschmecker ließen sich nicht lange bitten, keimten, wuchsen und bereicherten als gesunde und vitale Mahlzeiten unserem Speiseplan.

Ja, und gegossen haben wir in dem Jahr natürlich wie die Weltmeister. Wie gesagt, tropische Temperaturen waren Dauerzustand, von Regen keine Spur, eigentlich denkbar schlechte Voraussetzungen, um einen Garten neu anzulegen. Doch Pflanzen sind einfach mal kleine Wunder und große Überlebenskünstler. So wuchs (fast) alles an, was wir in die Erde brachten. Und vieles belohnte uns mit einer Blütenpracht, die uns täglich verzauberte. Noch im Oktober wurden wir mit den phänomenalsten Dahlienblüten beschenkt und wunderten uns täglich über eine in einem Blumenkasten aus Berlin mitumgezogene Bidensstengel, der in der Westerwälder Erde zu einem üppig blühenden Busch heranwuchs.

Das Gartenjahr neigt sich und beginnt von neuem

Kaum hatten wir ein Dach gedeckt, ein Haus gestrichen, Beete umgegraben, gepflanzt und geerntet, da kündigte sich auch schon die Winterzeit an. Das erste frostige Fenster gab es am 25. September, der erste Schnee fiel am 16. Dezember, der letzte Schnee am 4. Mai 2019. Das ist jetzt gut sechs Wochen her.

Und seitdem sitzen wir jeden Tag im Garten und staunen und freuen uns, sind stolz und glücklich. Glücklich vor allem über unsere Entscheidung aus Berlin wegzugehen, in ein Haus mit Garten zu ziehen, unser Gemüse weitestgehend selbst zu ziehen und mindestens sieben Gänge runtergeschaltet zu haben. Und natürlich sind wir glücklich über jedes Pflänzchen, das seinen Kopf aus unseren folienbefreiten Gartenboden steckt und wächst, gedeiht und blüht. Wir geben bei den täglichen Gartenrundgängen ständig viele Ahs und viele Ohs von uns, und ab und zu fällt auch der Satz: “Hast du das da hingesetzt?” Was meistens die Antwort zur Folge hatte: “Keine Ahnung, ich kann mich nicht erinnern.” Zugegeben, wir sind ziemlich unorthodox vorgegangen bei der Neugestaltung dieses Gartens. Und sicherlich haben wir auch einiges falsch gemacht. Das Gedeihen unserer Pflanzen zeigt uns aber, dass wir auch einiges richtig gemacht haben. Und aus den Fehlern können wir ja schließlich nur lernen und es das nächste Mal besser machen.

Meine Freundin hat mir dieses Jahr zum Geburtstag das neue Buch von Meike Winnemuth “Bin im Garten” geschenkt. Ein sehr passendes Geschenk, kann ich da nur sagen. Ich habe bei der Lektüre sehr viel gelacht und mich oft wiedererkannt. Denn ich kann die Erkenntnis von Frau Winnemuth absolut teilen: “Ein Garten zieht alle Stecker raus und verstöpselt einen neu. (…) Zu einem besseren Menschen wird man vielleicht nicht als Gärtner. Aber bestimmt zu einem aufmerksameren.”

 

Und ansonsten steht fest, dass …

P.S. an alle künftigen uns besuchenden Freunde und Bekannten: Auch wenn unsere Beete bereits überquellen vor Pflanzen und Freude, weitere Pflänzchen sind immer willkommen. Wir graben dann einfach noch ein weiteres Beet um 😉

PPS: Und so sah die Zwischenbilanz nach einem halben Jahr aus…

6 Jahre

6 Jahre

Heute vor sechs Jahren starb mein Mann. Henry. Wie ein tausendmal gesehener Film läuft dieser 20. Juni 2013 vor meinem inneren Auge ab. Der Tagesablauf ist jederzeit abrufbar, wie ein Film auf einer Streamingplattform.

Auch die Gefühle von diesem Tag sind immer noch da. Gerade, wenn ich das hier schreibe, habe ich ein dicken Knoten im Bauch, ein ziehendes Gefühl, das sich bis ins Rückenmark fortsetzt. Dieses Gefühl hatte ich auch damals, als ich noch gar nicht wusste, was passiert war, als ich noch nicht wusste, dass Henry auf der A1 verbrannt war als ein LKW ungebremst auf das Stauende zuraste, in dessen letztem Auto Henry saß.

Der Schmerz über den Verlust ist wie ein Echo. Erst ist er laut und klar, dann ebbt er ab wie die Stimme in einem Echo, wird unschärfer, leiser, bis er verklingt. Er schläft, wie auch das Echo schläft, und erwacht erst, wenn er wieder gerufen wird.

Vieles kann diesen Schmerz rufen. Manchmal tritt er ganz unvermittelt auf, gerufen durch eine Erinnerung, ein Foto oder einen Satz, den ich oder Henry irgendwann zueinander gesagt haben.

Täglich verlieren Menschen geliebte Menschen. Täglich nistet sich dieser Verlustschmerz in Menschen ein. Täglich lernen Menschen, mit diesem Schmerz zu leben. Denn es ist das einzige, was man gegen den Schmerz tun kann: Man kann lernen, mit ihm zu leben. Erst dann wird er erträglich.

Ein ganzes halbes Jahr

Ein ganzes halbes Jahr

Blick auf Alpenrod im Westerwald

Vor sechs Monaten sind wir von Berlin in den Westerwald gezogen. Ein ganzes halbes Jahr ist das nun her.

Es ging schnell vorbei, dieses ganz halbe Jahr. Gefühlt hatten wir Hochsommer bis weit in den Oktober hinein. Den haben wir – wie bereits berichtet  – überwiegend im Garten verbracht und der Hege und Pflege unserer neuen Pflanzen gewidmet. Immer noch belohnen uns jetzt im Dezember Bidens, Ringelblumen und Sonnensterne mit leuchtend gelben Blüten, was sehr lustig aussieht zwischen all den Lichterketten und Adventskränzen und weihnachtlichen Schmückereien.

Und immer noch fällt Gartenarbeit an. Garten ist halt ein Ganzjahresprojekt. Es ist zwar deutlich weniger geworden, dennoch sind wir immer noch mit dem Pflanzen von Büschen und Sträuchern beschäftigt. Gerade kommt der Winterjasmin in die Erde, der uns in den kommenden Jahren in der blütenarmen Winterzeit mit seinen leuchtend gelben Blüten verzaubern soll. 

Ankommen

Wie üblich ist die Adventszeit auch die Zeit der Einkehr und Reflexion. Wenn ich das vergangene halbe Jahr reflektiere, taucht die Frage auf: War es die richtige Entscheidung in den Westerwald zu ziehen? Und ohne zu Zögern, kann ich diese Frage mit Ja beantworten. Da ist kein Zweifel und kein Bedauern. Sicher, es ist schade, so viele liebe Menschen in Berlin verlassen zu haben. Doch der Westerwald ist ja nicht aus der Welt. Schon einige liebe Freunde sind in den letzten Monaten auf Besuch vorbeigekommen und weitere werden im neuen Jahr den Reigen fortsetzen. Ebenso steht im nächsten Jahr natürlich der eine oder andere Besuch in Berlin an. Geburtstagsfeste und andere freudige Anlässe werfen bereits ihre leuchtenden Lichter (und Einladungen) voraus. 

Aber, ganz ehrlich, es zieht mich hier nicht wirklich weg. Ich verbringe jeden Tag mit Freude an diesem Ort und bin immer wieder erstaunt, was ich erlebe. Da ist die wohltuende Freundlichkeit der Menschen hier, viele nehmen sich die Zeit für einen Plausch und sind interessiert und zugewandt. Bereits bei meinem zweiten Zahnarztbesuch wurde ich mit Namen und einem strahlenden Lächeln begrüßt, als ich durch die Tür trat. Der örtliche Gemüsehändler schenkt einem immer ein paar Äpfel Kartoffeln oder Kastanien. Im Café erhält man Tipps, wo man auch mal hingehen könnte, um gemütlich Kaffee zu trinken. Der lokale Autoreparateur fährt einen eben mal schnell mitsamt den Einkäufen nach Hause, wenn das eigene Auto nicht mehr anspringt. Kein Futterneid oder Konkurrenzdenken, nein, einfach nur freundliche Menschen, die sich freuen, dass man da ist.

Es sind nur ein paar Beispiele aus einer Reihe von freundlichen Erlebnissen, die mein Mann und ich hier im vergangenen halben Jahr erlebt haben. Es waren vermutlich nicht die letzten. All das hat das Ankommen hier sehr erfreulich gemacht. Ich will nicht behaupten, schon endgültig angekommen zu sein. Doch ich bin hier und das fühlt sich gut an. Sehr gut. 

Natur pur

Und dann ist da ja auch noch diese unvergleiche Nähe zur Natur, nicht nur die zum Garten, sondern auch die Natur des Westerwalds überhaupt. Vom Schreibtisch aus sehe ich den Waldrand. Per pedes sind es keine 10 Minuten bis dorthin. Der kräftige Anstieg bringt den Kreislauf in Schwung und pustet die Lungen durch. Unzählige Wege führen in alle Richtungen. Wald wechselt mit Feld. Vom Hochplateau geht es ab ins Tal. Ein Übriges erzählen die Fotos von einer unserer Herbstwanderungen im Westerwald – einem wirklich schönen Fleckchen Erde.

Garten first

Garten first

Als wir dieses Haus hier im Westerwald besichtigten, verliebten wir uns sofort in den Garten. Nicht, weil es ein besonders strahlender, gut gepflegter Garten war, nein, es war die Liebe auf den ersten Blick für einen Garten, der verzweifelt nach Hilfe schrie. Es war ein räudiger Garten, ungepflegt, missachtet, brach.

Ehemals war der Garten in guten Händen gewesen, wie uns alle Nachbarn berichteten. Die Vorvorbewohnerin hatte ihn wohl sehr schön geplant und gepflegt. Dann wurde sie krank und der Garten verkam. Bäume wurden gefällt und Unkrautfolie übernahm das Regiment, wurde weiträumig ausgelegt und überdeckte nicht nur Unkraut, sondern auch alles andere. Das Unkraut scherte sich allerdings einen Dreck um die Folie und gedieh trotzdem prächtig. Von allen anderen Pflanzen hielten nur die robustesten durch, Hortensien, Fetthennen, Stolze Heinriche, Rhododendren und Forsythien gibt es nun zu Hauf und noch sehr viel Platz zum gestalten.

Deswegen fiel nur wenige Tage nach unserem Einzug der Beschluss: Garten first! Lampen und Bilder lassen sich auch noch im Winter anbringen. Im Haus steht alles soweit, dass es funktioniert. So haben wir uns, kaum waren die meisten Kartons ausgepackt, in die Gartenarbeit gestürzt.

Power Gardening

Es gab jede Menge zu tun. Da wurde Folie aus dem Boden gezogen (gern auch mehrlagig…). Es wurde das Dach vom Gartenhäuschen gedeckt, das Häuschen gestrichen, es wurde umgegraben, gemulcht und gepflanzt. Wege wurden angelegt und mit Einfassungen versehen, ein Schattensitzplatz wurde befestigt und gekiest. Und so haben wir gerade mal sechs Wochen nach unserem Einzug schon einen Hauch von einem schönen Garten. Viele wundervolle Pflanzen sind bei uns eingezogen, Freunde brachten Ableger vorbei, Beete wurden gefüllt und Freude breitete sich aus.

Nicht nur wir freuen uns. Auch Flora und Fauna sind sehr entzückt. Morgens nimmt eine Kohlmeisen-Familie mit uns ihr Frühstück ein, abends schauen Herr und Frau Drossel auf einen Wurm und einen Insektencocktail vorbei und zwischendurch summen und brummen Bienen und Hummeln und Schmetterlinge durch unsere kleine Blütenpracht. Unterm Dach wohnen Wespen, und dem Igel haben wir ein Winterquartier unter den Büschen hinten im Garten angelegt. Das Bienenhotel ist ausgebucht bis November und das Marienkäferhotel steht in strategisch günstiger Position zum Salatbeet.

Garten first

Hier ein paar erste Impressionen:

Landleben reloaded

Landleben reloaded

Entspannung im Garten

Ursprünglich komme ich ja vom Land. Ich kenne Weite. Ich kenne Stille. Ich kenne Kleinbürgerlichkeit. Ich kenne ländliche Spießigkeit. Weite bedeutete damals, als ich noch auf dem Land lebte,  so schnell wie möglich den Führerschein machen, um wegfahren zu können. Stille bedeutete damals Langeweile und Öde. Kleinbürgerlichkeit und Spießigkeit bedeuteten, nichts tun zu können, ohne dass die Nachbarn, die Vereinsmeier und Sonstige es sofort mitbekommen bzw. getratscht bekommen hätten. Landleben bedeutete für mich als Jugendliche: So schnell wie möglich weg da.

Und das habe ich damals auch so schnell wie es nur irgendwie ging realisiert. Kaum war das Abitur in der Tasche, hatte ich meine erste eigene Wohnung in der nächstgelegenen Universitätsstadt angemietet und tauschte die mittelgroße Kleinstadt gegen eine mittelkleine Großstadt. 100.000 Menschen mehr bedeuteten 100.000 mal mehr Anonymität.

Pro und Contra Eiertausch

So habe ich nun über die letzten 35 Jahre in immer größerer Anonymität gelebt. 120.000 Einwohner, 450.000 Einwohner, 3,5 Millionen Einwohner. Als ich nach Berlin kam, habe ich genau das geschätzt: das Abtauchen in die völlige Anonymität. Jahrelang habe ich nicht einmal meine Nachbarn gekannt. Fehlende Eier oder Bohrmaschinen wurden nicht ausgeliehen, sondern gekauft. Jetzt wird wieder ausgeliehen. Wir waren hier im Westerwald noch nicht eingezogen, als wir mit den Nachbarn bereits auf Du waren. Sie stellen in unserer Abwesenheit unsere Mülltonnen raus und der Austausch elektronischen Werkzeugs funktioniert bestens. Und ein fehlendes Ei bekomme ich bestimmt auch anstandslos von einer meiner Nachbarinnen.

Aber bin ich nun wegen der Eier umgezogen? Nein. Oder zumindest nicht nur. Auch in Berlin hatte ich die vergangenen 11 Jahre eine tolle Nachbarschaft. Da hatte ich eben im Osten der Stadt gewohnt, in der ehemaligen DDR. Und da gab es mit den überwiegend noch alteingesessenen Ossis eine gute Nachbarschaft, in der auch mal Eier oder Bügeleisen ausgeliehen oder feucht-fröhliche Nachbarschaftsfeste gefeiert wurden. Unnett wurde es dort erst, als weitere Wessis zuzogen. Da lebte plötzlich die Ich-Gesellschaft auf, die Wir-Gemeinschaft schwand zusehens. Ist also der Großstadt-Wessi ein anderer als der Land-Wessi? Vielleicht.

Ich stell’ mich dann mal vor

Jetzt hier im Westerwald sind die Wessis jedenfalls anders als in Berlin. Neulich klingelte es vormittags an der Haustür. Als ich öffnete, stand dort eine mir unbekannte ältere Dame. Sie stellte sich als Besitzerin eines unserer Nachbarhäuser vor, und sagte, sie habe geklingelt, um einfach mal “Guten Tag” zu sagen und sich vorzustellen. Sie selbst wohne nicht in dem Haus und sei nur ab und zu mal da. Aber sie wohne nur ein paar Straßen weiter, wo sie vergangenes Jahr, mit ihren 70 Lenzen, hingeheiratet habe. Das alles wusste ich natürlich bereits – von unseren anderen Nachbarn. Aber egal, diese Geste, einfach zu klingeln, um Hallo zu sagen, fand ich sehr rührend. Wir verabschiedeten uns auf eine nächste Plauderei bei einem Glas Wein.

Genauso unkompliziert funktionierte auch die Vorstellung zu den anderen Nachbarschaftsseiten um unser Haus herum. Ein freundliches Hallo über den Zaun, eine kurze Plauderei, eine Einladung auf ein baldiges Bierchen auf der einen oder anderen Terrasse. Und alle sind sofort per Du.

Übern Zaun

Natürlich birgt das eben mal über den Zaun gucken auch seine Fallen. Hier kommen sie vielleicht herein, die Kleinbürgerlichkeit und Spießigkeit, vor der ich vor über 35 Jahren geflohen bin. Klar, gucke ich auch, wie es in Nachbars Garten aussieht und was auf der Wäscheleine hängt. Und mir ist auch klar, dass zurückgeschaut wird, vielleicht auch beurteilt und geurteilt wird. Und genau an dem Punkt ist jetzt alles anders. Eine Urteilerei, die mich früher unendlich gestört hat, die mich die Anonymität hat suchen lassen, diese Urteilerei ist mir heute völlig egal. Wer urteilen will, der urteile. Wer Gartenzwerge aufstellen will, soll dies bitte tun. Und wer meinen Bunte-Lichter-Garten crazy findet, soll das auch gerne tun. Jeder nach seiner Fasson, bitteschön.

Landleben reloaded

So ist nun meine Rückkehr aufs Land  von der Erkenntnis begleitet, dass es sich doch sehr angenehm lebt auf dem Ländchen. Die Wege sind kurz, Verkehrsstaus bestehen aus drei Autos vor der Einfahrt in den Kreisel, überall hat man Zeit für ein Schwätzchen, der Hausarzt hat jede Menge Parkplätze vorm Haus und einen Termin innerhalb von weniger als 12 Stunden frei. Zudem bin ich hier ganz entspannt Besitzerin einer Hotelkette – ich habe eine Bienenhotel und ein Marienkäferhotel. Es wachsen bereits Radieschen, Salat und Erdbeeren in meinem Garten. Und Heidelbeeren, Arionabeeren und Gojibeeren warten darauf, dass ich sie einpflanze.

Und was die Eier betrifft, gehen wir demnächst unter die Selbstversorger! Der Hühnerstall ist bereits in Planung. Und dann wird mit den Nachbarin über den Zaun Eier getauscht – und zwar ganz frisch gelegte.

Im fünften Jahr

Im fünften Jahr

Irgendwann hat wohl jeder schon einmal darüber sinniert, wie schnell doch die Zeit vergeht. Und auch wenn die Zeit an sich objektiv für alle gleich schnell (bzw. langsam) vergeht, ist sie doch etwas ganz und gar subjektiv Empfundenes.

Heute, am 20. Juni 2018, ist es fünf Jahre her, seit mein ersten Ehemann tödlich verunglückte. In diesen fünf Jahren bin ich durch die Hölle gegangen und in den Himmel geflogen. Das Leben hält alles bereit. Das Eine wie das Andere. Ich will nicht von Gutem oder Bösem, von positiv oder negativ sprechen. Alles ist das, was jeder Mensch daraus macht. Ganz eigenverantwortlich. Und so kann auch im Fürchterlichen ein Funken Hoffnung stecken, und am Ende einer Geschichte eine Zukunft beginnen.

Verbunden bleiben

Als Henry starb wusste ich sofort, aus unserer gemeinsamen Wohnung kann ich nicht ausziehen, jedenfalls nicht sofort. Manche Freunde rieten mir dazu. Ich sagte Nein und blieb. Denn hier fühlte ich mich ihm verbunden, enger verbunden als sonst wo. Diese Wohnung hatten wir zusammen ausgesucht und gemeinsam zu unserem Zuhause gemacht.

Mit den Jahren merkte ich jedoch wie diese Verbundenheit an diesem Ort schwand. Und das lag nicht daran, dass ich irgendwann mit einem anderen geliebten Menschen hier lebte. Nein, es war vielmehr so, dass ich merkte wie meinen Erinnerungen an Henry Flügel wuchsen. Ich begann Orte zu besuchen, an denen wir zusammen gewesen waren. Es war etwas, das mir zu Beginn sehr schwer fiel, denn es belebte den Schmerz über den Verlust. Doch je öfters ich an Orte kam, die mich mit Henry verbanden, desto leichter fiel es mir, dort an ihn zu denken und unserer Liebe nachzuspüren.

Es ist immer ein Denken in Liebe und Verbundenheit, in Freude und Dankbarkeit für die wunderbare Zeit, die wir zusammen hatten, auch wenn es noch nicht einmal sieben Jahre waren.

Orte der Verbundenheit

Viel haben wir unternommen in diesen Jahren. Wir waren in Budapest, in Paris und in London, in Venedig und Warschau, auf Kreta, in meinem geliebten Harz, in Franken, im Erzgebirge, auf der Zugspitze, an der Nordsee, auf Rügen und oft an unserem gemeinsamen Sehnsuchtsort, auf dem Darss. Wäre es anders gekommen und Henry und ich hätten weiter zusammen gelebt, eines Tages wären wir wahrscheinlich auf den Darss gezogen, dahin, wo wir uns verliebt haben.

Während ich diese Bildergalerie zusammenstelle, laufen meine Augen über von Tränen und ich lache mich kaputt. Es sind Tränen der Trauer, die nie ganz vergehen wird, und Tränen des Glücks, dass ich mit diesem Menschen eine Zeit leben und ihn erleben durfte. Und es sind herzliche Lacher in Erinnerung an einen großartigen Menschen, der ungemein witzig sein konnte und mit dem das Reisen ein großes Vergnügen war. Danke, mein geliebter Henry, für sechseinhalb wunderbare Jahre.

Zu neuen Ufern

Heute, am 20. Juni 2018, verlasse ich unseren gemeinsamen Ort, ziehe ich aus unserer Wohnung, die wir beide so sehr geliebt haben, aus. Es fühlt sich passend an, an diesem Tag aufzubrechen in ein neues Leben. Es wird anders sein, an einem Ort zu leben, an dem mich nichts mit Henry verbindet. Dennoch bleibt die Verbundenheit, in meinen Erinnerungen und in meinem Herzen. Für immer.