Rauhjahre – Rückblick auf eine Heimat

Rauhjahre – Rückblick auf eine Heimat

18 Jahre, 5 Monate und 19 Tage habe ich in Berlin gelebt.

Zum Jahrtausendwechsel kam ich in die Stadt. Erlebte hier größtes Glück und größtes Unglück. Habe hier geliebt, gelacht, geweint, getrauert, gelebt. Habe Freunde fürs Leben gefunden und Freunde an das Leben und den Tod verloren. Ich bin durch die Nächte getanzt und durch die Tage gewandert. Ich habe diese Stadt geliebt und gehasst. Die Stadt hat mich umarmt und getreten. Nirgendwo sonst wird Gegensätzlichkeit so kultiviert wie in Berlin.

Rauhjahre von Beginn an

Selten habe ich Berlin harmonisch und friedlich erlebt. Die Stadt ist immer in Rebellion, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. Mehr als 5.000 Demonstrationen wurden 2017 gezählt, das sind 13 pro Tag. 13 Mal täglich wird in Berlin die Haltung zelebriert gegen etwas zu sein. Nichts gegen Demonstrationen. Jeder möge bitte sein Recht ausüben für oder gegen etwas zu sein. Doch so eine Häufung von Protest macht etwas mit einer Stadt, hinterlässt Spuren, beeinflusst Atmosphären.

Viele der Menschen, die hier leben, sind jederzeit auf Krawall gebürstet. Berüchtigt ist die raue Berliner Herzlichkeit. Gleich in meinen ersten Berliner Tagen machte ich unvergessliche Bekanntschaft mit der damals noch weit verbreiteten “Freundlichkeit” der Berliner Busfahrer, wurde angeschrien als ich versehentlich einen gerade pausierenden Bus besteigen wollte, so dass ich durch das laute Brüllen des Busfahrers förmlich rückwärts aus der Tür gepustet wurde. Inzwischen sind die (meisten) Berliner BusfahrerInnen wirklich sehr freundlich, so viel sei zu ihrer Entlastung gesagt. Doch die damalige Erlebnis hat mein Verhältnis zum öffentlichen Berliner Nahverkehr auf immer geprägt. Und für alle zukünftigen Berliner sei an dieser Stelle der legendäre Satz der Berliner U-Bahnfahrer erwähnt: “Mit’m Faaahrad nich’ in ersten Wagen!” Wer den nicht mindestens einmal gehört hat, darf sich nicht Berliner nennen.

Der ÖPNV ist über die Jahre zu einem meiner Lieblingsthemen hier in Berlin avanciert. Auch in diesem Blog war der hassgeliebte Berliner ÖPNV ja des öfteren Thema. Ich fand es immer großartig, dass man in dieser weitläufigen Stadt wirklich überall hinkommt mit den Öffis (wie auch der Berliner seine Busse und Bahnen liebevoll nennt). Theoretisch. Denn in der Praxis fuhren die Bahnen, besonders die S-Bahnen, oft genug nicht. 11 Jahre war ich auf die S-Bahn angewiesen, um zur Arbeit nach Mitte und wieder zurück nach Köpenick zu kommen, 11 Jahre des Leidens, 11 raue Jahre. Auf zugigen Bahnsteigen habe ich gebibbert, in ungeheizten Wagen gefroren. Kaum fiel eine Schneeflocke, brach der S-Bahn-Verkehr mit schöner Regelmäßigkeit zusammen. Es ist ein running gag, dass die Berliner S-Bahn vier Feinde hat: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es ist in meiner Berliner Zeit leider auch viel zu oft eine Tatsache gewesen.

Wow, Berlin!

Berliner FernsehturmBerlin ist anstrengender geworden, je älter ich wurde. Als ich mit Mitte 30 hier ankam, hat mich das Pulsierende belebt. Es ging damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Denn bereits während des Studiums wollte ich nach Berlin ziehen, in die damals noch geteilte Stadt. Das hatte aus Gründen nicht geklappt. Am 2. Januar 2000 ergab sich dann endlich die berufliche Möglichkeit, auf die Welle der New-Economy-Bewegung aufzuspringen, die zwar bereits im Abschwingen war, dennoch wurde fleißig weiter streetgegolft und Sushis gemampft. Die Welle spülte mich damals mitten ins Herz der Stadt. Nach Mitte an den Hackeschen Markt, in die Rosenthaler Straße, wo mein Büro stand. Abends auf dem Heimweg nach Charlottenburg, wenn ich von der Rosenthaler kommend um die Ecke auf den Hackeschen Markt einbog, um zur S-Bahn zu gehen, war ich Tag für Tag überwältigt vom Anblick des Berliner Fernsehturms, der durch die Häuserschluchten lugte. Dann erschauderte ich förmlich und sagte mir: “Du bist in Berlin!” Wow. Es war ein tolles Gefühl. Heute haben Bauten die Lücken geschlossen und die Sicht auf den sogenannten Telespargel vielerorts versperrt.

Berlin war damals die Stadt der Möglichkeiten und der Unverbindlichkeiten. Hier war es dem Nachbarn egal, wer Du warst und was Du tust. Kein Kleinstadtmief, sondern Großstadtduft. Besonders im Sommer habe ich diesen Großstadtduft geliebt. Der Duft von heißem Asphalt, Abgasen und Schweiß. Es klingt vielleicht wenig attraktiv, doch diese Duftmischung hat mich an Urlaub erinnert, an Städte wie Florenz oder Rom an einem brennend heißen Sommertag.

Im Winter dagegen wurde Berlin schnell zum Feind. Denn die Winter hier sind oft lang und rau, dauern gern auch mal von Anfang November bis Anfang Mai und lassen die Stadt regelmäßig in eine geduckte, kollektive Depression versinken.

Berlin wummert

In jungen Jahren tanzt man sich diese Depression weg. Berlin wummert 12 Monate im Jahr, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Gelegenheiten zum Tanzen gibt es genug. Doch mit dem Älterwerden kommt die Ruhe, da schwindet das Bedürfnis sich etwas wegzutanzen.

Meine Ruhe fand ich in Berlin durch den Umzug vom quirligen Ku’damm-Kiez in den beschaulichen Köpenicker Kiez. Jedenfalls war er damals, vor 11 Jahren noch beschaulich, fast wie eine Kleinstadt in der Großstadt. Heute wummert es auch in Köpenick. Zumindest von April bis Oktober, wenn die Partyboote am Wochenende im Halbstundentakt an unserem Balkon vorbeischippern oder auf dem Luisenhain gefeiert wird. Wasser trägt Schall weit. Die Spree als Partyzone im endlos dröhnenden Elektrobeat. Nichts, was ich wirklich haben will.

Und dann geistert seit ein paar Jahren auch noch dieses Wort durch Berlin. Ein Wort, was ebenfalls wenig bis gar nicht attraktivtätssteigernd für die Stadt wirkt: Verdichtung. Da haben die Städteplaner etwas erfunden, das in den meisten Fällen die Lebensqualität verschlechtert, und im Falle Berlins, diese Stadt dramatisch verändern wird.

Ja, es ist richtig, Berlin gewinnt mehr und mehr an Attraktivität. Und das ist auch gut so, um den ehemaligen Partybürgermeister zu zitieren. Nix gegen inspirierte Menschen, zieht alle her! Belebt diese Stadt! Doch, wo sollen all die Menschen wohnen, fragten sich wohl irgendwann die Stadtplaner. Das war vermutlich der Tag, an dem Berlin die Verdichtung für sich entdeckte.

Inzwischen wird jede Brache bebaut, jeder freie Fleck verdichtet. Statt auf alte, sich im Wind wiegende Bäume, schaue ich inzwischen auf Beton. Und die Verdichtung nimmt kein Ende. Im Herbst wird in unserer Straße hier weiter abgerissen und neu aufgebaut. Weitere x-hundert Wohnungen braucht das Land. Doch diesen Baustaub werde ich nicht mehr einatmen.

Goodbye, Stadt meiner einstigen Träume!

Berlin, du warst großartig und grausam. Ich danke dir für jede Erfahrung, die ich mit dir machen durfte. Sie hat viel dazu beigetragen, dass ich heute die bin, die ich bin. Ich habe dich geliebt und gefürchtet. Nun verlasse ich dich. Für immer? Wer weiß das schon. Das Leben ist kurvenreich und niemand kann sagen, was hinter der nächsten Biegung passiert. Es ist kein Abschied auf ewig. Denn Freunde wollen hier besucht, Feste gefeiert und Gräber mit Rosen bekränzt werden. Doch wenn ich zurückkomme, wird es anders sein als jetzt. Ich komme als Besucherin zurück, nicht mehr als Teil dieser Stadt. Ich werde eine andere Stadt Heimat nennen und dort in ein wohliges, vertrautes Heim zurückkehren, zurück aus dieser rauen Stadt, die ich fast 19 Jahre lang “Heimat” nennen durfte.

Tschüss Berlin. Danke.

Mein Freund, der Baum

Mein Freund, der Baum

“Mehr Licht”. Goethe tat diesen Ausspruch wahrscheinlich nicht, weil ein eben vor seinem Fenster gefällter Baum mehr Licht auf den Dichter im Sterbebett fallen ließ. Dennoch benannte der Naturforscher im Dichter damit das Phänomen, was gemeinhin mit dem Fällen von Bäumen verbunden ist. In Fenster, Räume und Wohnungen fällt mehr Licht. Und damit sind wir auch schon am Ende der Positivliste, was das Bäumefällen betrifft.

Ja, er mag morsch gewesen sein und deshalb gefährlich für die unter ihm grillenden und feiernden Angler des ortsansässigen Angel- und Bootsvereins. Selbstverständlich geht Sicherheit vor Schönheit. Und nochmal Ja, es mag wichtigere Themen geben, die den Weltfrieden bedrohen. Natürlich sind Kriege, Hunger, Armut, Korruption und Paradise Papers die dringlicheren Probleme, die es zu lösen gilt. Und dennoch. Es gibt eben auch Bäume, die wichtig sind. Und irgendwie hängt das Fällen “meines” Baumes auch mit Panama, Paradise und den internationalen Immobilienspekulanten zusammen.

Denn wäre nicht der Berliner Wohnraum so begehrt, hätte der nette, ältere Herr Nachbar aus der entzückenden Jugendstil-Villa von nebenan, vermutlich nicht die seit Jahrzehnten vor sich hin dämmernde Brache mit Wasserblick verkauft. Auch würden die vielen anderen schönen Bäume noch dort stehen, die bereits in den vergangenen Jahren ihr vorzeitiges Ende im laut vor sich hin röhrenden Häcksler eines Baumentsorgers fanden. Und auch die Jugendstilvilla würde weiter inmitten der idyllischen Gartenbrache ihren Traum weiterträumen, sie sei ein verwunschenes Schloss. Heute steht das vermeintliche Schloss verängstigt geduckt inmitten von grauen Betonblöcken, die das kleine Schlösschen mit seinen Türmchen wie böse Riesen argwöhnisch von oben herab beäugen.

Immobilienblase, ick hör’ dir platzen

Argwöhnisch beäugt wurde auch die besagte Baustelle – von meinen Nachbarn und von mir. Denn selbstverständlich verändert sich ein Kiez, wenn in großer Zahl gebaut wird, zum Guten wie zum Schlechten. Gemunkelt wurde über die Bauten so einiges in den vergangenen Jahren. Meistbietend an solvente Chinesen und neureiche Russen soll der schöne Wohnraum mit Wasserblick verkauft worden sein. Selbstverständlich nur als Investition. Die Paradise Papers lassen grüßen.

Nun, egal, wer mit seinem Geld nirgendwo hin weiß, kauft sich ‘ne Wohnung in Übersee. Auch wenn manch einer von den Alteingessesenen hier am Ort vielleicht heimlich vor sich hin berlinert hat, “Immobilienblase, ick hör’ dir platzen”, war dem bislang nicht so. Es wurde gebaut, und inzwischen wird sogar schon bewohnt. Wer von den Neukäufern und Neumietern allerdings nach den hübschen Bildchen im Projektierungsprospekt der Immobilienfirma seine Traumwohnung ausgewählt hat, wurde spätestens heute bitter enttäuscht. Versprochen wurde den Käufern/Mietern eine zauberhafte Wohnlage am Wasser inmitten eines herrlichen Baumbestandes. Auf den Fotos der Immobilienfirma hörte man die altehrwürdigen, großen Bäume beinahe rauschen, sanft im Wind tanzend zur träg und leise dahinplätschernden Spree.

Tja, einst sah es hier tatsächlich so aus. Seit heute gehören diese Bilder der Vergangenheit an.

Als ich hier einzog, es war Hochsommer, faszinierte mich nicht unbedingt der pittoreske Blick auf die Köpenicker Altstadt, mich nahm eher die Aussicht zur anderen Seite ein. Alte, riesengroße Bäume, mit ihren Köpfen Richtung Spree nickend, als wollten sie aus dem Fluss trinken. Und einer davon war besonders eindrucksvoll. Durch das Jahr hindurch bezauberte die Eiche mit ihrem wechselnden Blätterkleid. Im Frühling hob sich ihr frisches, zartes Grün klar gegen den himmelblauen Himmel ab. Im Herbst legte sie ihr strahlendes gelbes Kleid an, das allmählich von Rot- zu Brauntönen wechselte und in der Abendsonne wunderschön leuchtete.

Vorbei.

Seit heute ist dieser Baum Geschichte und Erinnerung. In meiner Erinnerung werden diese Bilder bleiben, er war

Mein Freund, der Baum

Tschüss Baum, du warst ein treuer Begleiter über zehn Jahre an der Spree. Hast mein Herz stets erfreut und mir das Wunder der Natur gezeigt. Heute ist mir schwer zu Mute. Mein Herz weint. Arg sind die Bilder deines Niedergangs unter der kreischenden Motorsäge.

 

Es war vielleicht nur ein Baum. Und vielleicht wäre er auch bald von selbst gefallen, weil er irgendwann alt, krank und morsch gewesen wäre. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Jahr 4

Jahr 4

Es gibt eine Mauer in Gaza. Auf dieser Mauer stehen viele Sprüche. Ich habe dort auch mal einen hinschreiben lassen. Das war ein Projekt zweier Niederländer, wenn ich es recht entsinne. Dieses Projekt sollte arbeitslose Palästinenser unterstützen und ein Symbol des Krieges in Frieden verwandeln.

Ich fand das Projekt damals gut. Und ich wusste auch sofort, was ich auf diese Mauer schreiben lassen wollte. Eine Liebeserklärung an meinen Mann. Meinen damaligen Mann. Meinen ersten Mann. Mein Mann der genau heute vor vier Jahren tödlich verunglückte.

Als ich die Botschaft dort in Gaza beauftragte, lebte er noch. Wir waren noch gemeinsam glücklich und hatten noch vieles vor. “Vielleicht fahren wir auch mal nach Gaza, um deine Liebeserklärung zu suchen”, hatte mein Mann damals vorgeschlagen als ich ihm dieses Graffiti aus einer staubigen Wüste an 2012 Weihnachten schenkte.

Vielleicht fahre ich irgendwann mal hin. Wer weiß schon, was morgen passiert. Es können ganz wunderbare Dinge sein, wenn man die Kraft hat, sie zuzulassen. Ich hatte sie, und dafür bin ich dankbar und glücklich. Ich bin dankbar und glücklich für jeden Tag, für ein erfülltes, gemeinsames Leben mit dem Mann, den ich traf, um nach Trauer und Verlust wieder voll und ganz im Leben zu sein und in meinem Sein.

 

Schöner leben mit dem Wahlomat

Schöner leben mit dem Wahlomat

Auch wenn ich nicht in NRW, Schleswig-Holstein oder im Saarland lebe, finde ich es doch immer wieder interessant, auch mal dort den Wahlomat zu bedienen, wo man nicht wohnt und nicht mit der Landespolitik vertraut ist. Interessant vor allem, weil man dabei auf Meinungen und Themen stoßen kann, die einem in der eignen Landespolitik vielleicht nicht begegnen. So geschehen heute im Wahlomat für die kommende Landestagswahl in Nordrhein-Westfalen.

Ich mache bei allen Fragen mein Kreuzchen, gewichte im Anschluss die Themen und werde wie immer zum Abschluss vom Wahlomat gefragt, welche Parteien ich vergleichen will. Wie sonst auch, bin ich versucht, alle sechs mehr oder weniger etablierten Parteien bekannt aus Film, Funk und Fernsehen anzukreuzen, und fertig. Zur Sicherheit scrolle ich trotzdem noch runter zu Sonstige. Und da fällt mein Blick auf einen bunten Vogel. Sieht auf den ersten Blick ein bisschen wie der Twitter-Vogel aus, denke ich. Hat Twitter jetzt eine eigene Partei gegründet? War mir bislang entgangen.

Schöner Leben

Ich scrolle über das Logo und erfahre, hier handelt es sich um die Partei Schöner Leben. Wie nett. Netter Name für eine Partei. Spricht mich an. Schöner leben. Ich denke darüber nach. Ja, da gibt es sicher das eine oder andere, was noch schöner werden könnte – das Zusammenleben der Menschen zum Beispiel, sich mit Respekt und Anerkennung begegnen, anderen Zuhören können, die Zusammenarbeit für eine friedliche Welt, in Achtsamkeit für Natur und Gesundheit zu leben, eine höhere Verbindlichkeit unter den Menschen. Gut, das sind ein paar Dinge, die Leben schöner machen könnten. Doch sind das Themen, die in die Hände von Politikern gehören? Können die etwas tun, um mehr Verbindlichkeit in unserer Gesellschaft herzustellen? Schwierig. Zwar haben Politiker Leitbildfunktion, doch sie sind auch Menschen, viele von ihnen verfangen in dem Durcheinander, in dem sich diese Gesellschaft befindet und anscheinend ungeeignet, etwas nachhaltig zu ändern.

Neu denken

Was ist denn eigentlich die Parole dieser neuen Partei “Schöner Leben”? “Die politische Landschaft auf den Kopf stellen und Parteienpolitik konsequent erneuern” lese ich auf der Parteiwebsite. Ok. Klingt erstmal vernünftig bei dem Ruf, den Parteipolitik hat. Aber, Moment…, irgendwie kommt mir dieser Satz bekannt vor. Waren da nicht mal vor ein paar Jahren diese Nerds mit der Augenklappe im Logo? Die wollten doch auch die etablierte Parteienlandschaft kapern und versenken. Und auch von dieser noch relativ neuen Rechtsaußenpartei meine ich solche Anliegen vernommen zu haben. Und, ach ja, in den 80zigern des vergangenen Jahrhunderts, da gab es doch auch schon mal Leute, die den Muff aus den Talaren der Politik kehren wollten.

Was aus den Nerds geworden ist, ist bekannt, mit Mann und Maus im Politsumpf untergegangen. Was aus den Rechtsauslegern wird, bleibt abzuwarten. In Selbstzerlegung sind sie jedenfalls schon prima geübt. Ja, und die mit den muffigen Talaren tragen diese inzwischen selbst. Was also soll eine nächste Partei, die das etablierte System einer von Lobbyismus dominierten Politik durchbrechen will?

Zumindest auf den ersten Blick scheint diese neue Partei etwas richtig zu machen. Da ist viel von Mitmachen die Rede auf der Website. Und Listenplätze werden zum Teil verlost. Und ja, ich kann dem auch nur zustimmen, es braucht neue (ich würde es “andere Diskurse” nennen) Diskurse in diesem Land, besser gesagt auf diesem Planeten. “Schöner Leben” will “ein wertschätzendes, kreatives, achtsames und phantasievolles, kurz gesagt, ein schönes Miteinander”. Gut so. Ich wünsche ihnen, das sie das hinkriegen, ohne sich im etablierten Politdschungel zu verlaufen. Und wenn sie bei einer Wahl antreten, die ich auch mitmachen darf, mal sehen, vielleicht wähle ich sie ja sogar. Der Wahlomat NRW meint jedenfalls, ich sollte das tun.

Wer bist du?

Wer bist du?

Niemand fragt “Wer bist du?”, sondern nur “Was bist du?”. Und genau das ist das Problem.

Diese Sätze twitterte ich am 22. Januar 2017, gegen 22h. Sie waren im Wiener Tatort gefallen. Sie bringen eine Essenz auf den Punkt, die ich so bislang nur sehr selten per TV frei Haus aufs Sofa geliefert bekommen habe. Dem ORF und der ARD möchte ich ausdrücklich dafür danken, dass sie sich getraut haben, diese Wahrheit so unumwunden auszusprechen.

Ich war verwundert, über die Resonanz, dieser Tweet auslöste. So viele Likes und Retweets habe ich jedenfalls noch nie bekommen.

Für alle Nicht-Tatörtler sei kurz erklärt: Diese Sätze sprach etwa sinngemäß ein Vater zu seinem Sohn, nachdem ihm dieser den Abbruch seines Studiums verkündet hatte. Als Konsequenz der Umstände seines jungen Lebens entführt der junge Mann daraufhin seine Eltern und verkündet per Livestream deren und seine bevorstehende Tötung. Es folgt das Anlaufen der Kriminalmaschinerie mit Sonderkommission und SEK. Und es folgt die Analyse der Spezialisten, wer dieser Täter ist.

Wer bist du, Täter? Diese Frage steht bei so gut wie jedem Krimi zunächst im Mittelpunkt. Da wird der Wohnort, das berufliche und das private Umfeld ermittelt. Doch beantworten diese Ansätze wirklich die Frage nach dem “Wer”? Oder fragen sie eher nicht nach dem “Was”?

Was bist du?

Menschen antworten auf die Frage “Wer bist du?” meistens mit dem, was sie arbeiten, Postbote, YouTube-Star, Bibliothekarin, Psychologe, Chirurgin, Klempner. Beantwortet das die Frage, nach dem wer du bist? Ich denke nein. Was wir arbeiten macht sicher einen Teil dessen aus, wer wir für den Moment sind. Aber erklärt nicht, wer du bist.

Bedeutet das, was wir sind, in dieser Welt mehr als das, wer wir sind? Menschen scheinen das zu glauben. Oder würden sie sonst so selbstverständlich die Frage nach dem Wer mit einer Antwort aus dem Was reagieren? Vielleicht sind sich die Menschen aber einfach auch nicht darüber im Klaren, wer sie sind. Und vielleicht ist diese Frage ja auch gar nicht so einfach zu beantworten.

Wer bist du?

Wer bin ich? Ich bin ein atmendes, denkendes, fühlendes Wesen. Soviel kann ich für den Moment feststellen über mich. War gar nicht so schwer, mir diese Frage zu stellen und sie zu beantworten. Dass das nicht die ganze Antwort sein kann, vermute ich jetzt einfach mal. Ich finde es spannend, sich weiter auf diese Reise zu begeben und zu erforschen wer ich bin.

Die Welt des Tanzes

Die Welt des Tanzes

Ich hatte ja keine Ahnung. Tanzen? Tanzen hieß bislang auf einer Party ein bisschen rumhopsen. Jeder schön für sich alleine und ab und an engtanzen zu Kuschelrock 19. Paartanz? Schrittfolgen? Figuren tanzen? Der Herr begleitet die Dame am Ende des Tanzes zum Tisch? Nee. Das war doch alles 1978, Tanzstunde zu Musik, die man mit 14 bescheuert fand und die mich damals nicht zum Fan des Paartanzes machten sollte.

Nun. Die Folge dieses pubertäres Prägung war: Ich habe seit 1978 so gut wie nie wieder Cha Cha, Rumba oder Foxtrott getanzt. Dabei hatte ich Cha Cha gemocht, schon damals, mit 14.

Szenenwechsel. 38 Jahre später. Der Liebste schlägt vor, an einem Tanzworkshop teilzunehmen. Klar. Warum nicht. Ein bisschen koordinierte Bewegung tut bestimmt gut. Und lustig kann das vielleicht auch sein. Ich gucke in den Seminarplaner. Ballroom Dance Special, das klingt interessant. Ich, Kind der 70er, habe sofort “Ballroom Blitz” von Sweet im Ohr. Ok, dass sie das dort spielen erscheint mir unwahrscheinlich. Dennoch zieht mich genau dieses Wort an. Ballroom – das klingt nach knisternden, knielangen Taftkleidern mit ausgestelltem Rock, nach Eintänzern und Bowle und 50er-Jahre-Musik. Außerdem findet das Wochenende in einem schönen, alten Gutshof im Märkischen statt, der Ballroom liegt direkt am See. Wenn es doof sein sollte, kann man sich also immer noch ein nettes Badewochenende machen. Denke ich.

Gebadet haben wir. Ja, in Schweiß. Bei 31 Grad schwüler Sommerhitze wird so ein 1-2-Cha-Cha-Cha zu einem Hochleistungssport mit Abnehmgarantie. Und dieser Sport hat saumässig Spaß gemacht! Was war das für ein Vergnügen als die ersten Drehungen beim langsamen Walzer klappten und mein Süßer mich übers Parkett schweben ließ. Und als wir erst entdeckt haben, dass wir ein Milonga-Paar sind!! Wow! Ist das cool mit leicht gebeugtem Knie, im Rückwärtsschritt, die Schultern aneinander geschmiegt durch den Raum zu schieben. Foxtrott und Disco-Fox, ok, das haben wir so mitgenommen, das war keine Liebe auf den ersten und auch nicht auf den zweiten Blick. Bei Cha Cha und Charleston gingen unsere Leidenschaften etwas auseinander. Und dennoch, die Leidenschaft für das Tanzen im Allgemeinen ist geweckt, der Tangokurs für nächstes Jahr gebucht.

Etikette hat nichts mit Etikett zu tun

Noch etwas anderes hat mich an diesem Workshop sehr berührt – und zwar, welchen Wert Etikette im Leben einnehmen kann. Es macht einfach einen Unterschied, ob man gefragt wird: “Ey, komm’ … tanzen!” (und einen die Hand des Partners dabei mit einen leichten Klaps auf den Oberarm zum Aufstehen auffordert). Oder ob jemand sagt: “Darf ich bitten?” (und der Partner einem dabei die geöffnete Hand als Einladung zum Aufstehen hinhält).

Benehmen gehört genauso selbstverständlich zum Tanzen wie Musik. Und so hat es wirklich großes Vergnügen gemacht, von unseren Tanzlehrern zwischendurch immer mal wieder eine Lektion in Etikette zu erhalten. Der Mann geht beispielsweise treppab immer eine halbe Stufe vor der Dame, treppauf eine halbe hinter ihr. Maximal drei Tänze, dann sollte man die Dame fragen, ob eine Pause genehm ist. Dazu führt der Mann sie zum Platz, rückt ihr den Stuhl zurecht und erkundigt sich nach ihrem Getränkewunsch. Herrlich! Ich finde das toll! Und gleich mal vorab: Das hat überhaupt gar nichts mit einem reaktionären Rollenbild zu tun, sondern mit Höflichkeit. Und an der mangelt es unserer Tage leider viel zu häufig.

Mein Fazit nach 3 Tagen Ballroom Dance lautet: Es ist eine tolle Gelegenheit mal komplett aus dem Alltag rauszutreten. Man hat eine außergewöhnliche Zeit zu zweit. Schaut dem Partner mal wieder richtig lange in die Augen. Und für das Zweierlei ist Tanzen eine sehr gute Übung in Vertrauen. Sich selbst und anderen.