Heute vor sechs Jahren starb mein Mann. Henry. Wie ein tausendmal gesehener Film läuft dieser 20. Juni 2013 vor meinem inneren Auge ab. Der Tagesablauf ist jederzeit abrufbar, wie ein Film auf einer Streamingplattform.

Auch die Gefühle von diesem Tag sind immer noch da. Gerade, wenn ich das hier schreibe, habe ich ein dicken Knoten im Bauch, ein ziehendes Gefühl, das sich bis ins Rückenmark fortsetzt. Dieses Gefühl hatte ich auch damals, als ich noch gar nicht wusste, was passiert war, als ich noch nicht wusste, dass Henry auf der A1 verbrannt war als ein LKW ungebremst auf das Stauende zuraste, in dessen letztem Auto Henry saß.

Der Schmerz über den Verlust ist wie ein Echo. Erst ist er laut und klar, dann ebbt er ab wie die Stimme in einem Echo, wird unschärfer, leiser, bis er verklingt. Er schläft, wie auch das Echo schläft, und erwacht erst, wenn er wieder gerufen wird.

Vieles kann diesen Schmerz rufen. Manchmal tritt er ganz unvermittelt auf, gerufen durch eine Erinnerung, ein Foto oder einen Satz, den ich oder Henry irgendwann zueinander gesagt haben.

Täglich verlieren Menschen geliebte Menschen. Täglich nistet sich dieser Verlustschmerz in Menschen ein. Täglich lernen Menschen, mit diesem Schmerz zu leben. Denn es ist das einzige, was man gegen den Schmerz tun kann: Man kann lernen, mit ihm zu leben. Erst dann wird er erträglich.