Das dritte Jahr

Das dritte Jahr

Heute morgen zog ich mich zuerst ganz in Schwarz an.  Schwarze Hose, schwarze Bluse, schwarze Schuhe. Ich rannte in der Wohnung rum, fönte die Haare, machte Frühstück für die Familie und fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Schließlich zog ich mich um.

Nach dem Tod meines Mannes hatte ich eine Zeitlang viel über Rituale nachgedacht. Sollte ich welche etablieren? Und wenn ja, welche? An seinem Geburtstag und an seinem Todestag zum Grab gehen, in Stille vor dem Grabstein verweilen und Blumen niederlegen? Ich entschied mich dagegen. Denn es fühlte sich nicht so an, als ob das zu mir und zu ihm gehören würde. Dort auf dem Friedhof ist für mich nichts von ihm. Es ist nicht mein Ort des Gedenkens. Ich denke im Alltag an ihn. Erzähle von ihm. Orte erinnern mich an ihn, an denen wir wirklich zusammen waren. Und eben nicht dieser Ort, der Friedhof, an dem wir nie gemeinsam waren.

Heute, am dritten Todestag, gehe ich wie gewohnt ins Büro. Und doch ist es kein gewöhnlicher Tag.  Seit Tagen rekapituliere ich den 20. Juni 2013, sage mir im Kopf still die Uhrzeiten auf wann was passierte – wie ein Gedächtnisprotokoll. Diese Daten sind fix. Doch heute passieren zu diesen Uhrzeiten andere Dinge. Es passiert Alltag. Mein Leben. Diese Daten gehören zu meinem Leben wie auch die Dinge, die heute geschehen, drei Jahre später. Das Leben steht nicht still. Zum Glück.

Zwei Jahre

Was kann sich in zwei Jahren alles ändern? Die Welt. Das Leben. Das Denken. Auch das Fühlen? Nein. Unvermittelt konfrontiert mit einem Foto des geliebten Mannes, der vor zwei Jahren ein so gewaltsamen Todes gestorben ist, breche ich in Tränen aus. Kommen alle Gefühle von Schmerz, Verlust, Trauer, Liebe und Sehnsucht wieder hoch. Da lächelt er mich an, aus Facebook heraus, wo seine Tochter ein wundervolles Foto von ihm mit ihr und ihrem damals noch kleinen Bruder gepostet hat. Es ist eine stimmungsvolle Schwarzweiß-Aufnahme. Die beiden Kinder lachen, ihr Vater lächelt sein verschmitztes Lächeln, das ich so sehr geliebt habe. Er blickt direkt in die Kamera. Er blickt mich an. Es ist ein Gruß vom anderswo hierher. So soll ich es sehen, hat mir mal eine Heilerin empfohlen. (mehr …)

Boxenstopp

Kürzlich erzählte ein Kollege von seinen Freuden und Leiden beim Zusammenziehen mit seiner Freundin. In die Kategorie Leidwesen fiel ein Lamento über Frauen und Lautsprecherboxen. Ich horchte auf. Denn eine sehr ähnliche Diskussion führte ich auch derzeit. Ein weiterer Kollege konnte vergleichbare Erinnerungsstücke aus der Arbeit an der gemeinsamen der Einrichtung des Eigenheims beisteuern. Einhellige Meinung war: Frauen mögen keine großen Boxen in der Wohnung. Ist das so? Ja. Vielleicht jetzt. Aber war das schon immer so? Nein. (mehr …)

nun also doch

Jahrelang bemüht man sich, kultiviert seine Abneigung, hält Prinzipien hoch. “Die klauen mir zu viele Daten”, sagte ich. Bei Instagram meldete ich mich genervt und unter Protest ab, als sie diesen Dienst schluckten. Hochmütig gucken konnte ich, wenn mich jemand fragte, ob ich dort ein Profil besäße. Ich doch nicht! Wozu? Ich twittere, und damit Schluss. Wer mir folgen will, der folge mir auf Twitter und lasse mich ansonsten in Ruhe. (mehr …)

Ein Jahr weiter

Letztes Jahr um diese Zeit waren es noch ein paar wenige Tage bis ich nach Namibia aufbrechen sollte. Meiner Flucht vor Weihnachten, vor Silvester, vor allen Erinnerungen, die mit einem Leben verbunden waren, dass so nicht mehr existierte. Als ich damals zurückkam, beschloss ich sofort: Das machst du nächstes Weihnachten wieder. Wieder weg zu sein von all dem Singsang, Bimmelbammel und Engelchengetue erschien mir die beste Lösung, um erst gar keinen Erinnerungshorror aufkommen zu lassen. Dafür lieber irgendwo sein, wo es Affenbrot- statt Weihnachtsbäume gibt, wo einen Löwengebrüll weckt statt Rentierglöckchengeklingel. Gesagt, getan, gebucht. (mehr …)

Heute ein Jahr

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben,
und er ließ mir das Nahe,
daraus er entschwand;
– er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt …

Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
– und die Stille der Sterne durchspalten,
denn er muss meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten

seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.

Rainer Maria Rilke

Für dich, mein geliebter Henry. Dermaßen…