Tag 11

Einmal einem Löwenpaar beim Liebesspiel im Sonnenaufgang zusehen, stand gar nicht drauf auf meiner Liste der Dinge, die es unbedingt noch zu erledigen gilt auf diesem Planeten. Weiß gar nicht, wo ich da jetzt ein Häkchen machen soll. Das mit dem Sex war ok. Aber doch recht unspektakulär. Viel besser waren Vor- und Nachspiel. Aber, eins nach dem anderen, ich greife der Geschichte vor.

Für unseren zweiten Tag in Etosha heißt es wieder früh aufstehen. Halb vier Wecken, damit wir vor Sonnenaufgang im Park sind. Unser Guide hat vorher Tiersichtungserkundigungen bei seinen Kollegen eingeholt. Und so fahren wir mit traumwandlerischer Sicherheit zu einem Platz, wo Löwen gesichtet wurden. Und tatsächlich, da sind sie – sagt jedenfalls irgendwer im Bus. Ich: “Wo denn?” Erst bei voll aufgedrehtem Tele sehe ich zwei kleine Punkte. Na, toll, denke ich mal wieder! Dass die beiden Tiere wieder so weit weg sind, enttäuscht mich. Und als hätten sie das gespürt, springen beide Löwen in einer einzigen eleganten Bewegung auf und bewegen sich auf uns zu. Schlendernd. Ganz gemütlich. Frau Löwe schleckert sich schon mal übers Maul. Ich schlucke. In wunderbarer Eintracht trotten die beiden direkt auf meine Linse zu. Das ist wirklich einer dieser Wow-Momente im Leben, die sich auf die Netzhaut abspeichern. Und gerade mal 20 Meter (!!!) vom Bus bleiben sie stehen, schauen sich um, befinden den Platz für gut und legen sich wieder hin.

 

Und nun das ganze nochmal nur mit vertauschtem Tier. Es ist der Nachmittag unserer Pirschfahrt, fast alle im Bus sind schon erledigt und wollen zurück zur Lodge. “Wir haben doch alle Tiere gesehen”, mault jemand. Ich so: “Nein. Nashorn fehlt noch.” Trotzdem, ich werde überstimmt. Es geht Richtung Lodge. Doch auf dem Weg dorthin hat der Nashorngott ein Einsehen und schenkt mir ein wirklich unvergleichliches Nashornerlebnis.

Nashörner sind laut unserem Tourguide nur sehr selten zu sehen. Doch da steht eins. Ich Blindschleiche hätte es natürlich wieder übersehen. Ist auch – ähnlich wie die Löwen am Morgen – sehr, sehr weit weg. Ich wieder enttäuscht. Mist. Das nächste Mal nehme ich ein viel besseres Tele mit, schwöre ich mir in diesem Moment. Dann sagt unser Tourguide: “Jetzt seid mal alle bitte ganz leise. Denn Nashörner können zwar sehr gut hören, aber unglaublich schlecht gucken.” Und so verharren zehn Erwachsene mucksmäuschenstill in einem Mercedes Sprinter am Rande der afrikanischen Savanne. Verharren … und verharren … und …

… und langsam, gaaaaaaaaaanz langsam, grast sich das Nashorn an unseren Bus heran. Nimmt links ein Büschel leckeres Steppengras, probiert rechts ein paar saftige, grüne Halme. Im Bus ist nur das Klicken der Kameraauslöser zu hören. Ich zucke bei jedem Geräusch zusammen. Vielleicht hört das Nashorn ja doch besser als Uwe denkt… Doch es lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht als es etwa zehn Metern vor dem Bus plötzlich aufblickt. Es scheint verblüfft zu denken “Huch, da steht ja ein Bus”. Da steht das Nashorn, hier wir. Ich bin nachhaltig beeindruckt. Das Nashorn auch wie es scheint. Die Kameras klicken. Ich nehme in Gedanken das Horn der Nase im Verhältnis zur Position meines Sitzplatzes im Bus Maß. Falls es angreift und das Blech durchstößt, reicht es nicht bis zu mir, vermute ich. Puh. Doch noch macht das Tier keine Anstalten, den Bus zu stürmen. Eigentlich bewegt es sich etwa 20 Minuten überhaupt nicht. Es guckt uns an. Wir gucken das Nashorn an. Mensch  – Nashorn, Nashorn – Mensch. Die Welt scheint reduziert auf diesen Moment. Erst als unser mit 17 Jahren Safari ausgestatteter, erfahrener Tourguide sein Handy zückt und ebenfalls beginnt, Fotos zu machen, löst sich die Anspannung im Bus. “Hä, wieso machst du denn jetzt Fotos? Du siehst Nashörner doch sicher andauernd.” Der Einheimische verneint und meint, so nah sei er einem Nashorn auch sehr, sehr lange nicht mehr gekommen.

Nun. Irgendwann wird es dem Tier doch zu bunt. Vorsichtig trottet es am Bus entlang und braucht weitere 15 Minuten, bis es sich vor dem Bus über die Straße traut. Dann stellt es sich nochmals auf der anderen Seite in Pose für ein paar letzte Fotos, wendet uns sein imposantes Hinterteil zu und zieht grasend davon.

Ich schwöre hoch und heilig, dass es sich genauso zugetragen hat. Und auch wenn das jetzt hier alles etwas flappsig klingt, ich war enorm beeindruckt von diesem wunderschönen Urtier. Löwen im Sonnenaufgang und Auge in Auge mit einem Nashorn, das waren zwei Tiererlebnisse an einem Tag, die ich nie vergessen werde.

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